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Digitale Arbeit: Ergebnisorientiert und grenzenlos

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Sind Smartphones und Laptops die Befreiung vom festgefahrenen Berufsalltag oder eine unbezahlte Arbeitszeitverlängerung? In einer Diskussion der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) am Donnerstag in Köln zeigte sich, noch fehlen Konzepte für eine Arbeitsmarktpolitik, die die neuen Arbeitsformen ausreichend berücksichtigen. Das von allen geforderte Patentrezept lautet Medienkompetenz.

Bereits 2012 hatte die SPD-nahe Stiftung eine Studie zur Digitalen Arbeit vorgelegt (PDF-Datei). Danach habe die immer weiter verbreitete Arbeit mit Computer zwar einerseits die Effizienz gesteigert und neue Freiräume geschaffen, gleichzeitig sei aber der Schutz der Arbeitnehmer zum Beispiel durch die ständige Erreichbarkeit zurückgegangen. So hatte auch der Branchenverband Bitkom kürzlich in einer Umfrage ermittelt, dass 30 Prozent der Berufstätigen jederzeit für Arbeitgeber, Kollegen und Kunden erreichbar sind.

Michael Schwemmle, Mitautor der FES-Studie, begrüßte, dass inzwischen dieser Aspekt in die politische Diskussion Einzug gefunden habe. So hat zum Beispiel das Liquid-Konzept von IBM die Debatte befeuert, mit dem das Unternehmen feste Arbeitsstellen massiv abbaut und Arbeitskräfte auf Bedarfsbasis in den Unternehmensablauf einbindet. In den vergangenen Jahren sei kaum noch über Telearbeit und die Folgen diskutiert worden, nun sei sie – zunächst unbeachtet von der Politik – zur Realität geworden. Es sei an der Zeit, zu reagieren und die alten Regulierungsziele Sicherheit und Schutz der Beschäftigten wieder zu reaktivieren.

Lothar Schröder, Vorstandsmitglied der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di und Mitglied der Enquetekommission "Internet und digitale Gesellschaft", stellte fest, dass sich immer mehr ergebnisorientierte Arbeitsweisen verbreitet hätten. "Man schaut weniger auf die Arbeitszeit, sondern was bei dem Prozess herauskommt." Er erlebe selbst täglich, wie Freiheit und Arbeit entgrenzt würden. So könne ver.di zwar in Tarifverhandlungen sofort effektiv Rücksprache mit Tausenden von Gewerkschaftsmitgliedern halten. Er selbst sehe sich jedoch genötigt, auch im Urlaub seine beruflichen E-Mails zu lesen: "Es wäre ein Albtraum aus dem Urlaub zurückzukommen und 900 E-Mails vorzufinden."

Dass die Telearbeit zwar Chancen, aber nicht automatisch eine Lösung für viele Probleme bietet, betone SPD-Netzpolitikerin Valentina Kerst: "Digitale Arbeit wird umjubelt, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht. Doch das Laptop auf dem Küchentisch ist keine Lösung". Zeit-Redakteur Götz Hamann erklärte, dass es ihm die digitalen Arbeitsmittel ermöglicht hätten "ein telefonierender Vater, aber kein abwesender Vater zu sein". Als Vorgesetzter müsse er verstärkt darauf achten, seine Mitarbeiter nicht zu überlasten.

Schwemmle forderte, dass die Arbeitnehmer von der erhöhten Erreichbarkeit Gebrauch machen dürften, dazu aber nicht verpflichtet sein müssten. Widerspruch erhielt er dafür aus dem Publikum: Smartphones und Laptops hätten sich als Zusatz zur normalen Büroarbeitszeit von acht bis zehn Stunden etabliert. "Wer kein Add-On liefert, dessen Karriere ist beendet", sagte ein Diskussionsteilnehmer.

Auch die Gewerkschaften haben noch kein Gesamt-Konzept. Zwar wurden in einzelnen Tarifverträgen Regeln zur Telearbeit und Erreichbarkeit durchgesetzt, noch sind sich die Arbeitnehmervertreter nicht klar, wie neue Freiräume und Zwänge der Arbeitnehmer unter einen Hut zu bekommen sind. Schröder beklagte, dass die Angestellten sich an der Effizienz des Gesamtunternehmens messen lassen müssten. "In den vergangenen 30 Jahren haben sich Systeme des Benchmarking in die Arbeitswelt gemogelt." Dagegen setzen die Gewerkschaftler einen Index Gute Arbeit, der auf die Selbstwahrnehmung der Arbeitnehmer gründet. Wichtig findet Schröder zudem, dass die Arbeitnehmer durch die Arbeit über das Internet nicht voneinander isoliert werden.

Um sich auf die neue Arbeitswelt einzustellen, forderten mehrere Diskussionsteilnehmer die Ausbildung zu verbessern und Kinder schon ab dem Kindergarten auf die neuen Techniken zu schulen. Unter dem Oberbegriff "Medienkompetenz" soll nicht nur der Umgang mit neuen Techniken eingeübt werden, Kinder sollten bereits lernen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und das Werkzeug bekommen, sich gegen Überbeanspruchung zu wehren. Widerspruch kam hier aus dem Publikum: "Die Lehrer sind nicht fähig, das zu vermitteln", sagte ein Diskussionsteilnehmer. Zudem habe die Bildungspolitik bisher alles getan, die Ergebnisorientiertheit in die Schulen zu tragen. Selbständiges und selbstreflektiertes Denken werde jedoch nicht gefördert. (anw)