Digitale Bibliotheken: "Loch im digitalen Umfeld"

Google ist mit seiner Digitalisierung der Bibliotheken vor Gericht gescheitert. Nun wollen US-Akademiker eine nicht-kommerzielle Variante der Google Book Search verwirklichen. Im April soll es losgehen.

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Googles ambitioniertes Programm einer digitalen Bibliothek mit Millionen Büchern ist vor Gericht gescheitert. Nun wollen US-Akademiker eine nicht-kommerzielle Variante verwirklichen. Die Digital Public Library of America, so ihr Name, soll im April online gehen, berichtet Technology Review in seiner März-Ausgabe. Das Heft können Sie hier bestellen.

Am 23. März 2011, nach einer letzten Runde juristischen Geplänkels, erklärte der Bundesrichter Denny Chin das Vorhaben des Internet-Konzerns für unrechtmäßig, den Buchbestand der Welt digital verfügbar zu machen. Gestolpert war "Google Book Search" über das Urheberrecht. Das Unternehmen hatte sich sich 2008 bereit erklärt, für seine kommerzielle Buch-Datenbank Geld an Autoren und Verlage zu zahlen. Im Gegenzug sollten Bibliotheken und andere Institutionen Abonnements für die Nutzung abschließen können, auch der Verkauf von E-Books und Anzeigen sollte Einnahmen bringen. Doch Richter Chin ging diese Vereinbarung "zu weit", und schon vor seinem Urteil äußerte das US-Justizministerium wettbewerbsrechtliche Bedenken.

Robert Darnton, Historiker und Leiter der Bibliotheken in Harvard, warnte sogar vor einem "Monopol der neuen Art, nicht bei Eisenbahnen oder Stahl, sondern beim Zugang zu Information". Sein Gegenentwurf: Die Bibliotheken sollten zusammenarbeiten und mit Hilfe einer wohltätigen Stiftung eine wirklich öffentliche Bibliothek von Amerika schaffen – die Digital Public Library of America (DPLA). Darnton wurde gehört: Ende 2010 gab das Berkman Center for Internet and Society in Harvard bekannt, die Arbeit an der DPLA koordinieren zu wollen. Das Projekt bekam eine Anschubfinanzierung von der Alfred P. Sloan Foundation. Nun soll im April der Betrieb beginnen. Ist sie online, gäbe es eine zentrale Anlaufstelle, um zu recherchieren, welche Literatur zu einem Thema verfügbar ist und wo die Bücher liegen. Das große Problem aber bleibt: Die Inhalte selbst werden nicht zugänglich sein.

Denn auch dieses Vorhaben lässt sich bisher nicht mit dem Urheberrecht in Einklang bringen. "Die rechtlichen Probleme sind niederschmetternd", gesteht Darnton. In den USA gilt das Copyright bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Jegliche Werke sind sofort nach Erscheinen geschützt, selbst wenn ihre Urheber das gar nicht wollen – und zwar über Jahrzehnte. Digitalisiert werden können sie nur mit Zustimmung des Rechteinhaber. Oft sind dieser aber nicht bekannt, denn ein großer Teil des Bestands in Bibliotheken stellen sogenannte verwaiste Werke.

In Deutschland ist die Lage nicht besser. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz spricht daher von "der Gefahr, dass das 20. Jahrhundert ein schwarzes Loch im digitalen Umfeld darstellt". Parzinger ist auch Vorstandssprecher des Kompetenznetzwerks der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB), einem mit der DPLA vergleichbaren Unterfangen. Ihr Portal ging Ende November in einer Beta-Version online. 5,6 Millionen Objekte lassen sich derzeit aufrufen, aber die wenigsten sind Bücher. Den großen Anteil haben Fotos, Filme oder Audiodateien. Zudem führen derzeit 2,7 Millionen Treffer nur auf einen Eintrag in einem Bibliothekskatalog, nicht zum Werk selbst. Besonders groß ist die Lücke ab Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Einschätzung von Ellen Euler, der Leiterin der DDB-Geschäftsstelle, das Vorhaben sei "ein Jahrhundertprojekt", dürfte sich bewahrheiten. Und zwar sowohl für die USA als auch für Deutschland.

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