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Digitale Bildung: Ruf nach "Social-Media-Diät" und Kritik an BYOD

Der verzögerte Digitalpakt für Schulen ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sind sich Bundestagsabgeordnete einig. Schüler dürften nicht verpflichtet werden, eigene Tablets mitzubringen.

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Digitale Bildung: Ruf nach "Social-Media-Diät" und Kritik an BYOD

(Bild: Stefan Krempl)

Der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner warb am Montag auf der Bildungskonferenz des Digitalverbands Bitkom in Berlin für eine "Nachrichten- und Social-Media-Diät" gerade für Schüler. Kehrseite der digitalen Medien sei, dass man "immer und überall online verfügbar ist". Wer ständig auf sein Smartphone schaue, erhalte "eine kleine Belohnung sofort", was ein Suchtverhalten auslöse. Wichtig sei es daher im Bildungssystem, "bewusste Fertigkeiten im Umgang mit digitaler Technik zu vermitteln". Auch das klassische Wissen lasse sich damit besser unters Volk bringen. So seien etwa im Sprachunterricht oder Mathematik nützliche Anwendungen denkbar.

"Die Schüler werden morgen in Jobs arbeiten, die es heute noch gar nicht gibt", verwies Lindner auf Umbrüche durch die Digitalisierung. Da sei es "sehr gefährlich, sie mit Methoden von gestern darauf vorzubereiten". Bedenklich stimme ihn daher, dass nur 40,5 Prozent der Lehrer hierzulande angäben, in Klassenzimmern WLAN-Zugang zu haben. Dazu komme, dass Deutschland beim Glasfaserausbau "näher an Nord- als an Südkorea" liege. Jährlich seien so 2,8 Milliarden Euro nötig, um die Schulen auf die Höhe der Zeit zu bringen. Länder und Kommunen allein könnten es aber kaum leisten, die Digitalisierung "on top" zu stemmen – etwa neben der verstärkten Integration von Flüchtlingen und Behinderten.

Der Liberale begrüßte daher prinzipiell das Versprechen der großen Koalition, dass der Bund künftig mit in digitale Infrastrukturen im Bildungsbereich investieren dürfen solle. Er warnte aber, dass für die dafür erforderliche Grundgesetzänderung eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag nötig sei. Zudem habe Schwarz-Rot den seit Langem geplanten Digitalpakt noch immer nicht im Haushalt gegenfinanziert. Es gebe damit bislang "keine finanzielle Klarheit und Berechenbarkeit".

Zugleich plädierte Lindner dafür, die Weiterbildung deutlich auszubauen. "2025 wird man für 1000 Dollar ein Device kaufen können, dass die gleiche gedankliche Leistung hat wie das menschliche Gehirn", meinte er. Was werde da aus "einem mittelmäßigem Juristen, der sich nicht rechtzeitig in den Bundestag geflüchtet hat?", fragte der Freidemokrat scherzhaft. Es komme darauf an, Arbeitslosen über einen komplett neuen zweiten Bildungsweg einen Wiedereinstieg ins Berufsleben zu ermöglichen. Dies sei eine "humanere Antwort" auf die Transformation des Jobmarkts etwa durch neue Technologien wie Künstliche Intelligenz als das vielfach geforderte bedingungslose Grundeinkommen.

Bildungspolitiker schier aller Bundestagsfraktionen waren sich einig, dass es mit den von Schwarz-Rot vorgesehenen 3,5 Milliarden Euro für den Digitalpakt bis 2021 nicht getan sei. Das Geld reiche gerade, um alle Schulen mit schnellem WLAN auszustatten, konstatierte die Linke Anke Domscheit-Berg. Gefragt seien aber auch gut ausgebildete Lehrkräfte und IT-Admins. Um den staatlichen Haushalt trotzdem zu entlasten, sei alles wichtig, "was sich mit dem Begriff Open verbinden lässt". Die Palette müsse hier reichen von frei lizenziertem Bildungsmaterial in Form von Open Educational Resources (OER) bis zur Qualitätssicherung. "Die derzeitigen Prozesse, Schulbücher zu erstellen, sind grottenlangsam", brachte die Abgeordnete ein Beispiel. "Wenn wir das crowdsourcen, kann es nur schneller werden."

1000 Euro pro Schüler für die technische Ausstattung müsse der Staat investieren, wandte sich Jens Brandenburg (FDP) gegen die "Bring Your Own Device"-Linie von Bund und Ländern (BYOD). Sonst hätten alle das Nachsehen, die kein Tablet zuhause hätten. Wenn die Lehrer vor allem Problemlösungs- und Medienkompetenzen vermittelten, müssten sie auch keine Angst mehr davor haben, dass Schüler bei Prüfungen ihre Smartphones dabeihätten. BYOD dürfe zumindest nicht pauschal vorgeschrieben werden, hieb Wiebke Esdar von der SPD in die gleiche Kerbe. Ihr lag am Herzen, die Chancengleichheit zu wahren. Erlernen müssten die Menschen aber auch ein "Abgrenzungsmanagement", um nicht 24 Stunden täglich online zu sein.

Junge Menschen sollten vor allem lernen, "analytisch zu denken" und logische Konzepte aufzubauen, ergänzte der bekennende "Nerd" Andreas Steiner (CDU). Die Lehrer müssten dafür qualifiziert sein, den Schülern "ab Klasse 1 in der Grundschule einfache logische Konzepte und Computersprachen beizubringen". Die Grüne Anna Christmann empfahl, in etwa von der 5. Klasse an ein eigenes Schulfach für Digitalkompetenzen und Programmieren einzuführen.

Als Vertreterin der Wirtschaft machte Doris Albiez, Geschäftsführerin von Dell EMC Deutschland, klar: "Wir brauchen kreative Menschen, die Projektmanagement machen können." Gar nicht gefragt sei "dieses Bulimie-Lernen, wo man nach dem Test 80 Prozent vergisst". Elke Frank von der Deutschen Telekom führte aus, dass bei dem Bonner Konzern mittlerweile auch Führungskräfte digitale Lernplattformen nutzen müssten. Sie selbst habe sich zuletzt durch einen "Coding-Kurs" gequält, um zumindest eine Vorstellung davon zu erhalten, "um was es beim Programmieren geht".

Ein pragmatisches Vorgehen legte mit Jacob Chammon der Leiter einer deutsch-skandinavischen Gemeinschaftsschule in Berlin seinen hiesigen Kollegen ans Herz. Diese sollten nicht erst große Digitalkonzepte schreiben, sondern einfach loslegen mit "Wild Wild West". Als "größte Gefahr für die Digitalisierung in Deutschland" machte der Däne ein Smartphone-Verbot in Grundschulen nach Vorbild Frankreichs aus. Besser sei es, Prüfungen so zu gestalten, dass die Schüler auch übers Internet zeigen müssten, diese und jene Fähigkeiten zu haben. (olb)

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