Digitale Medien: Wie die Digitalisierung das "Gedächtnis der Nation" verändert

Digitale Medien gehören bei der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig zum Alltag. Auch Artikel im Netz werden gesammelt. Löst das ein Platzproblem?

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Wie die Digitalisierung das "Gedächtnis der Nation" verändert

(Bild: Carlos Amarillo/Shutterstock.com)

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  • Theresa Held, dpa

Bevor die Corona-Krise den Betrieb in den Lesesälen der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) lahmlegte, hat sich das "Gedächtnis der Nation" geöffnet. Seit Anfang März müssen die Nutzer keine Grundgebühr mehr zahlen. "Man muss den Appetit wecken", ist Michael Fernau, DNB-Direktor in Leipzig, überzeugt. Durch die Öffnung sollen Barrieren abgebaut werden.

Gerade in Zeiten, in denen Falschnachrichten kursieren, sei die Bibliothek besonders wichtig, sagt Fernau. Die DNB hat seit 1913 den Anspruch, jedes Medium aus und über Deutschland zu sammeln. "Bibliotheken kommt verstärkt der Auftrag zu, einen Punkt zu sichern, der später auch nachweisbar ist", sagt Kathrin Jockel, die für die Digitalen Dienste der DNB zuständig ist.

Den Auftrag erfülle die DNB, sagt Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels: "Die Deutsche Nationalbibliothek ist eine Institution von unschätzbarem Wert für Gesellschaft, Wissenschaft, Bildung und Buchbranche." Der Umfang ermögliche es, "sich ein Bild davon zu machen, was gedacht wird und gedacht wurde". Schmidt-Friderichs nennt die DNB, die neben Leipzig auch in Frankfurt einen Standort hat, "Teil unseres kulturellen Gedächtnisses".

Auch digitale Erzeugnisse gehen in dieses Gedächtnis ein. Seit 2006 umfasst der gesetzliche Auftrag nämlich auch, elektronische Publikationen zu sammeln (wofür der Gesetzgeber sogar die Umgehung technischer Schutzmaßnahmen gestattet hat). "Das war eine große Gesetzesänderung, die für uns von immenser Bedeutung war", sagt Jockel.

Mittlerweile kommen nach ihren Angaben täglich etwa tausend haptische Medien in Leipzig und Frankfurt an. Darüber hinaus werden pro Tag etwa 6000 neue elektronische Medien zusammengetragen. Allerdings werde auch ein einzelner Artikel als bibliografische Einheit gezählt, betont Jockel – richtig vergleichbar seien die Zahlen darum nicht. Fest steht allerdings: Die Zahl von elektronischen Medien ist rasant gestiegen. Vor 15 Jahren wurden noch weniger als tausend elektronische Publikationen pro Jahr gesammelt, sagt Jockel. "Da kannte man jede Netzpublikation persönlich."

Und die digitalen Medien werden nachgefragt. Im Vorjahr wurde 10,6 Millionen Mal auf digitale Publikationen zugegriffen, davon nur in 175.000 Fällen aus dem Lesesaal. Besonders gefragt sind damit Dissertationen, E-Books und digitale Artikel, die auch außerhalb der Bibliothek zugänglich sind. Die Entscheidung darüber, wie eine Veröffentlichung genutzt werden darf, liegt beim Urheber. In der Wissenschaft werde es langsam Standard, Arbeiten zur freien Nutzung – wenigstens nach ein paar Jahren – zur Verfügung zu stellen, beobachtet Fernau. "Sie werden deutlich mehr zitiert, wenn sie elektronisch verfügbar sind."

Für eine einfachere Benutzung des DNB-Sammelsuriums werden seit 2008 systematisch Inhaltsverzeichnisse von gedruckten Büchern digitalisiert. 2,2 Millionen Inhaltsverzeichnisse seien bereits gescannt verfügbar, sagt Jockel. Dadurch könne der Nutzer schnell erfassen, was im Buch steht, ob es sein Thema betrifft. Im Vorjahr habe es beinahe 11,7 Millionen Zugriffe auf die Inhaltsverzeichnisse gegeben. Das sind etwa 32.000 Zugriffe pro Tag.

Die Digitalisierung von Medien stellt die Bibliothekare immer wieder vor Herausforderungen: Neben den gängigen Dateiformaten gibt es eine Menge technischer Entwicklungen, die sich stetig ändern. "Wir bauen softwaregestützt die alte Umgebung nach", erklärt Jockel das Vorgehen der DNB. Die Entwicklung zur Konservierung von Dateiformaten laufe auf Hochtouren.

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So viele Vorteile die Digitalisierung im sogenannten Gedächtnis der Nation mit sich bringt – das Platzproblem löst sie nicht. Denn Jockel ist sicher, dass die normalen Bücher nicht aussterben werden. Für einen fünften Erweiterungsbau in Leipzig soll die Planung noch in diesem Jahr starten. Erst 2010 wurde die vierte Erweiterung fertig gestellt. "Eine Bibliothek muss wachsen. Wir werfen nichts weg, wir heben es auf. Ein Gedächtnis wächst und das Digitale kommt eben dazu", erklärt Jockel. Und damit auch die digitalen Medien sicher lagern, wird der aktuelle Stand immer auch auf einem externen Server gespeichert.

So will die DNB, die 1912 in Leipzig als Deutsche Bücherei gegründet wurde, weiterhin sammeln ohne zu werten – digital und physisch. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand in Frankfurt das westdeutsche Äquivalent zur Deutschen Bücherei, nach der Wende fanden beide Häuser zusammen. Und wachsen stetig. (tiw)