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Digitale Videorecorder kämpfen um Zuschauergunst

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Jeder Zuschauer sieht genau das, was er will, und er sieht es genau dann, wann er will. Unerwünschte Werbeblöcke überspringt er komplett mit einem Knopfdruck. Das ist die Vision der Unterhaltungselektronik, die in den USA bereits Wirklichkeit ist. Die Zauberworte für das ganz persönliche Fernsehprogramm heißen Personal Video Recorder (PVR) und TiVo- Abonnement.

Der Fernseher läuft, das Superbowl-Footballspiel beginnt, und das Telefon klingelt im Arbeitszimmer. Spielzug verpassen oder möglicherweise nie erfahren, wer angerufen hat? TiVo erleichtert die Entscheidung. Der Zuschauer drückt auf die Pausen-Taste der Fernbedienung und geht telefonieren. Die Live-Übertragung wird automatisch aufgezeichnet. Nach dem Telefonat drückt der Zuschauer die Start-Taste und sieht sich an, was im Stadion unterdessen geschah. Die digitalen PVR-Aufzeichnungsgeräte haben auf ihren Festplatten Platz für 60 Stunden Fernsehen. Möglich sind schon bald Speicherkapazitäten für bis zu 250 Fernsehstunden. Nutzer können ihre Lieblingssendungen aufnehmen und das Gerät sogar anweisen, alle Sendungen mit einer Lieblingsschauspielerin zu speichern. Falls sich kurzfristig die Sendezeiten ändern, ermittelt das PVR online den tagesaktuellen Sendeplan.

Nach anfänglichen Startschwierigkeiten kommt das Geschäft mit Digitalrecordern langsam ins Rollen. Im vierten Quartal des vergangenen Jahres hat sich die Zahl der Kunden im Vergleich zum Vorquartal um über 85 Prozent gesteigert, von rund 73.000 auf rund 136.000. Allerdings verfehlten TiVo und der Konkurrent ReplayTV beim Verkauf ihrer Recorder im vergangenen Jahr das angepeilte Ziel von rund 800.000 Stück. Über die Ladentheken der Elektronikgeschäfte gingen weniger als 400.000 PVR-Geräte, berichtet die Marktforschungsfirma Carmel Group.

In Deutschland scheiterten erste Versuche zur Markteinführung noch an der Vorsicht der Hersteller. Auch an nötigen Kooperationen von Gerätebauern und Service-Dienstleistern fehlt es noch. Der niederländische Elektronikkonzern Philips, der in Zusammenarbeit mit dem Service-Unternehmen TiVo in Europa entsprechende Geräte in Großbritannien vertreibt, wird zur Internationalen Funkausstellung eine Lösung für den deutschen Markt präsentieren - allerdings ohne die Lernfähigkeit des amerikanischen Vorbilds. "Wir könnten einen PVR jederzeit auf den Markt bringen, aber ohne die passenden Service- Leistungen macht das keinen Sinn", sagte Klaus Petri von Philips. Für die Markteinführung sei aber auch noch gründliche Marktforschung und erhebliche Kundenaufklärung nötig.

In den USA kosten die PVR-Geräte rund 400 Dollar, ein TiVo-Abo monatlich zehn Dollar. Das Service-Unternehmen, an dem auch der Onlinedienst AOL beteiligt ist, zog im vergangenen Jahr am Konkurrenten ReplayTV vorbei. Das Internet-Medienunternehmen SonicBlue, das den MP3-Spieler Rio vermarktet, kaufte ReplayTV jetzt für 120 Millionen Dollar. "Wir expandieren nun von der Innovation im Bereich der digitalen Musik zur Innovation von digitalen Videoangeboten", sagt Andrew Wolfe, der technische Direktor von SonicBlue.

Als die Digitalrecorder 1999 erstmals in den US-Schlagzeilen auftauchten, war in Blättern wie der New York Times schon vom drohenden Ende der privaten Fernsehanstalten die Rede. PVR mache es schließlich möglich, dass Zuschauer die TV-Werbung vermeiden können. Fernsehwerber würden sich zurückziehen, und damit falle die Hauteinnahmequelle der Sender weg.

Die Horrorvision der großen Sender ABC, CBS, NBC und Fox wurde bisher noch nicht zur Realität. Nach wie vor ist fraglich, ob sich wirklich Millionen von Kunden ein teures Digitalgerät mit monatlichen Zusatzkosten leisten wollen, wenn sie für rund 100 Dollar einen traditionellen Videorecorder kaufen können. Dann muss zwar mit Kassetten und umständlichen Programmier-Menüs hantiert werden. Aber mit ein wenig Aufwand lässt sich auch so schlichtes persönliches Fernsehen herstellen. (Tilman Streif, dpa)

Weitere Informationen zu digitalen Videorecordern in c't: (hod)