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Digitalgipfel: Die datensouveräne Wollmilch-Cloud

Die europäische Dateninfrastruktur soll insbesondere kleinen Unternehmen die Vorteile einer Cloudlösung verschaffen, ohne ihre "Datensouveränität" aufzugeben.

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Das Cloud-Netzwerk Gaia-X soll europäischen Firmen den Weg zu digitalen Geschäftsmodellen ebnen (Illustration).

(Bild: dpa, Ole Spata/dpa)

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Mit großen Hoffnungen hat die Bundesregierung auf dem Digital-Gipfel in Dortmund am Dienstag das Cloud-Projekt "Gaia X" vorgestellt, viele Detailinformationen gibt es jedoch noch nicht. Durch die vernetzte Daten-Infrastruktur soll insbesondere kleinen Unternehmen aus dem produzierenden Bereich Zugang zu Cloud-Lösungen und Edge-Computing verschaffen, ohne ihre Datensouveränität abzugeben.

Dabei beabsichtigt die Bundesregierung nicht, ein eigenes Cloud-Angebot einzurichten, das in Konkurrenz zu US-Angeboten wie Google und Amazon stehen würde, sagte der Beauftragte für digitale Wirtschaft und Startups im Bundeswirtschaftsministerium, Thomas Jarzombek. Vielmehr wollen Deutschland und Frankreich die Entwicklung mit Forschungsinstituten und der Privatwirtschaft voranbringen, damit europäische Unternehmen eigenständig Cloudlösungen aufbauen können. Langfristiges Ziel ist eine gesamteuropäische industrielle Plattform zur Anwendung von Künstlicher Intelligenz.

Die Details des Projektes sind noch etwas schwammig. Aufgrund des Unfalls von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) am Vormittag fiel ein Presse-Briefing zu dem Projekt aus. Insofern ist etwa unklar, wie viel Geld das Bundeswirtschaftsministerium im Verbund mit dem Bundesforschungsministerium in das neue Projekt stecken wollen. Nur so viel wurde bekannt: Die Spezifikationen sollen im kommenden Jahr feststehen, die ersten Praxislösungen im Jahr darauf in Einsatz kommen.

Gaia X baut auf der vor zwei Jahren vorgestellten Initiative Industrial Data Spaces auf, die inzwischen in International Data Spaces umbenannt wurden. Hierbei geht es um gemeinsame Schnittstellen und Software, mit denen jeder Teilnehmer eine Node bereitstellen kann und gemäß der Spezifikationen einfach Daten mit anderen teilen kann. So will etwa die Deutsche Telekom die Technik nutzen, um die Kundendaten in verschiedenen Ländern mit der gleichen Softwarebasis zu bearbeiten ohne die Daten jeweils nach Deutschland zu transferieren.

Wesentlicher Antrieb für die Entwicklung des Projektes ist ein Unbehagen gegenüber der Vormachtstellung der USA im Plattformmarkt. So warnte Jarzombek davor, dass die derzeitigen Handelsauseinandersetzungen mit den USA sich plötzlich auch auf die gespeicherten Daten auswirken könne. "Niemand gibt eine Garantie, dass die Daten in der Cloud nicht auch betroffen sein werden", mahnte der CDU-Politiker.

Wichtigstes Schlagwort auf dem Digitalgipfel war die "Datensouveränität". Durch die in "Gaia X" integrierten Garantien soll sichergestellt werden, dass Unternehmen ohne Sorgen vor der Konkurrenz Daten der Allgemeinheit oder speziellen Nachnutzern zur Verfügung stellen können. Ein vom Bundeswirtschaftsministerium vorgebrachter Anwendungsfall sind etwa die Daten, die bei der Produktion anfallen. So könnten die Hersteller von Maschinen auch nach der Auslieferung auf die Daten im Einsatz zugreifen, um so zusätzliche Dienstleistungen anzubieten – wie etwa eine automatisierte Wartung oder den Umgang mit neuen Werkstoffen.

Weitere Vorteile von Gaia X sollen die Interoperabilität und die Rechtssicherheit sein. So sollen Unternehmen dank der Standardisierung der Schnittstellen einen Lock-In-Effekt vermeiden können, indem sie ohne Probleme den Cloud-Anbieter wechseln können. Gleichzeitig soll mit klaren und einfachen Vorgaben sichergestellt werden, dass Vorgaben wie die Datenschutz-Grundverordnung eingehalten werden und das unzulässige Ausschlachten der Daten durch die Konkurrenz verhindert wird. Zudem will der Staat mit gutem Beispiel vorangehen und die eigenen Daten auf kompatible Weise zur Verfügung stellen, die auch eine verbesserte Planung der Industrie ermöglichen.

Allerdings kann Gaia X hier nur die technischen Grundlagen schaffen. Wie etwa Bitkom-Präsident Achim Berg in Dortmund erklärte, fehlt oft die Bereitschaft in den Unternehmen, sich überhaupt mit solchen Fragestellungen zu beschäftigen. "Deutschland ist ein industrieller Motor, ein Motor der Digitalisierung sind wir nicht", erklärte Berg. Derzeit seien viele Unternehmen mit vollen Auftragsbüchern ausgelastet und würden deshalb die Gelegenheit verpassen, sich rechtzeitig auf die neuen Marktbedingungen einzustellen. Dass Unternehmen wie Siemens in digitalen Zukunftsmärkten scheiterten, liege nicht an übersteigerter Regulierung oder zu kritischer Presse, sondern an falschem Management.

Gleichwohl sieht der Bitkom-Chef auch den Staat in der Pflicht, die neuen Entwicklungen zu fördern. Berg schlug etwa vor, die gesetzlichen Schrifterfordernisse zu streichen und so die Bürokratie abzubauen. Auch sei es bei der Digitalisierung der Verwaltung nicht damit getan, die analogen Prozesse einfach nachzubauen. Stattdessen müssten die Prozesse komplett neu gedacht werden. "Digitalisierung ist kein nettes Extra", mahnte der Bitkom-Chef. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel mahnte in ihrer Abschlussrede, die neuen Wertschöpfungsketten nicht aus dem Blick zu lassen. "Sonst kann es sein, dass wir zu einer verlängerten Werkbank werden", sagte die Kanzlerin.

Als ersten Anlass sich mit den neuen Techniken zu beschäftigen will die Bundesregierung in den kommenden Tagen die genauen Bedingungen für die sogenannten Campuslizenzen im 5G-Netz vorstellen, mit denen Unternehmen ihre interne Logistik auf die Mobilfunktechnik umstellen können. Die Bedingungen für die Lizenzen seien "mittelstandsfreundlich", versprach Merkel in Dortmund. (vbr)