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Digitalgipfel: Mit eHealth und Big Data kommt die Präzisionsmedizin

Gleich zwei große Panels und etliche Exponate des Digitalgipfels 2017 beschäftigten sich mit eHealth und den Folgen der Digitalisierung der Medizin. Beim letzten Panel zeigte sich die dunkle Seite von Big Data.

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(Bild: dpa, Stephan Jansen)

Eine Querschnittsgelähmte, die mit einem bionischen Exoskelett von Ottobock unter den Teilnehmern wandelte, zeigte auf dem Digitalgipfel in Ludwigshafen unter großem Beifall, was IT-gesteuerte "Wearables" im Bereich eHealth möglich machen können. Die Kehrseite der Medaille diskutierte dann das den Gipfel abschließende Panel zur Präzisionsmedizin: Wenn die Solidargemeinschaft der Versicherten auf Basis von 3000 bis 5000 exakt gleichen Datensätzen eine Krebsbehandlung verweigert, sieht die schöne neue Welt für den von der Behandlung ausgeschlossenen Betroffenen ganz anders aus. Eine neue Medizinethik muss formuliert werden, forderten sowohl Bundesgesundheitsminister Gröhe wie der Theologe Peter Dabrock vom Deutschen Ethikrat.

Nach dem subjektiven Urteil als Zuschauer des Digitalgipfels 2017 ist der "Quantensprung" offenbar die Königsdisziplin der Digitalisierung. Er kam in nahezu jeder Rede vor, auch bei der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Vom "Quantensprung in der Ärzteschaft" erzählte auch Franz Bartmann, Vorsitzender des Telematik-Ausschusses der Bundesärztekammer, denn mit 212:14 Stimmen hatte kurz vor dem Digitalgipfel der Deutsche Ärztetag beschlossen, das Fernbehandlungsverbot moderneren Konsultationsformen anzupassen. Es soll also bald losgehen mit der Videosprechstunde beim Arzt, dem der Patient zuvor den Zugriff auf die elektronische Patientenakte gestattet hat.

Diese vom Patienten und nicht vom Arzt geführte Akte soll die Königsdisziplin der nun anstehenden Vernetzung im Gesundheitswesen sein, betonten die Teilnehmer am ersten eHealth-Panel unisono. Frank Gotthard von der am eGK-Feldtest beteiligten Compugroup bezeichnete die Akte als ein "wesentliches Strukturelement" der Gesundheitsvernetzung. Doch noch stehen die Vorbereitungen für die Akte ganz am Anfang: Die 28 Fakultäten für Medizininformatik, über die Deutschland verfügt, arbeiten nach Aussage von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka an einem standardisierten Patentenkerndatensatz, was Ende 2018 der Fall sein soll.

Was ist, wenn der Patient mit seiner Akte besser informiert ist als der ihn behandelnde Arzt? Wenn dieser als Herr seiner Daten dem Arzt wohl wissend Details verschweigt, die seine Behandlung belasten können? Auf dem abschließenden Panel des Digitalgipfels zur Präzisionsmedizin wurde diese Frage verhandelt. Präzisionsmedizin ist dann gegeben, wenn dank Big Data nicht nur Daten für den Durchschnittspatienten vorliegen, die ein Arzt im Allgemeinen behandelt, sondern in einem speziellen Einzelfall die Daten von 3000 oder mehr Patienten mit genau diesem Einzelfall zusammengeführt sind, die dann Daten liefern, die "maßgeschneidert" sind, wie Ministerin Wanka ausführte.

Drastisch brachte es der Mediziner Heyo Kroemer auf den Punkt: Diese "vernünftige Diagnostik" muss nicht immer in positiven Entscheidungen für eine erfolgreiche Behandlungsmethode enden, sondern kann umgekehrt genauso dazu führen, dass einem Patienten Medikamente verweigert werden, weil sie in seinem Falle nutzlos sind.

Auf die Frage der Moderatorin, ob "meine Behandlungsdaten mein Eigentum sind", antwortete der Theologe Peter Dabrock, dass diese Sichtweise des Dateneigentums mehr Schaden als Gewinn bringen könnte. Menschen könnten dann verführt werden, gegen gutes Geld ihre Daten zu veräußern, ohne die Hintergründe zu kennen. Wichtiger sei es, dass die Gesellschaft insgesamt eine Entscheidung treffe, wer berechtigt ist, diese Medizindaten zu nutzen. Gesundheitsminister Gröhe fügte hinzu, dass jeder einzelne Patient befähigt werden müsse, zu erkennen, wie seine Daten von wem genutzt werden können. Dazu sei ein Kulturwandel nötig. "Teilhabe ist intelligenzabhängig" formulierte es der Mediziner Kroemer trocken. (kbe)