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Digitalisierung in Deutschland: Digitales Scheitern oder Ingenieursnation mit Herzchen?

Eine Studie entwirft Szenarien für die zukünftige Entwicklung des Arbeitsmarkts in Deutschland angesichts der fortschreitenden Digitalisierung. Wirklich grundlegende Änderungen halten die Autoren aber wohl nicht für möglich.

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(Bild: dpa, Peter Steffen)

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Deutschland hat verschiedene Möglichkeiten, auf die Digitalisierung zu reagieren und die sehen mal mehr und mal weniger pessimistisch aus. Zu diesem Ergebnis kommen zumindest die Stiftung Neue Verantwortung und die Bertelsmann Stiftung in einer gemeinsamen Studie, in der mögliche Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt in Deutschland bis 2030 diskutiert werden. Erstellt wurde sie von 24 Technik- und Arbeitsexperten, geleitet von Juliane Landmann. "Arbeit 4.0 wird zur nächsten politischen Großbaustelle der Digitalisierung in Deutschland", fasst die Politikwissenschaftlerin das Ergebnis zusammen. "Der Veränderungsdruck auf Beschäftigte, Arbeitgeber und Sozialstaat wird deutlich steigen – immer abhängig davon, wie gut der deutschen Industrie der Wandel in eine software- und dienstleistungsintensive Wirtschaft gelingen wird."

Wie die Arbeitsverhältnisse im Jahr 2030 genau aussehen werden, wissen Landmann und ihr Autorenteam natürlich auch nicht. Es gehe nicht um eine Zukunftsprognose, heißt es ausdrücklich in der Studie. Vielmehr wurden sechs Szenarien entwickelt, die "als Ausschnitte aus dem Möglichkeitsraum der Zukunft zu verstehen" seien. Damit solle ein "differenzierteres Bild von den Auswirkungen der Digitalisierung" gezeichnet werden. Denn bislang erschöpfe sich die öffentliche Debatte weitgehend in der Frage, ob digitale Technologien Arbeitsplätze eher schaffen oder eher vernichten würden.

In einem der Szenarien ("IT-Ingenieursnation mit Herzchen") kann Deutschland seinen durch das Markenzeichen "Made in Germany" begründeten Ruf erhalten. Maschinenbauer und Autohersteller dominieren weiterhin die Wirtschaft, wenn auch mit weitgehend menschenleeren Fabriken. Ein bedingungsloses Grundeinkommen sorgt dafür, dass trotzdem alle genug zu essen haben. Es könnte aber auch sein, so ein weiteres Szenario, dass die Industrie den Anschluss an die Digitalisierung verpasst und stattdessen die Verwertung von Daten, angeführt von Banken und Versicherungen, zum vorherrschenden Geschäftsmodell wird. Für diesen Fall erwarten die Autoren der Studie einen hohen Druck auf die sozialen Sicherungssysteme durch den Wegfall von Jobs für Geringqualifizierte und die Frühverrentung der Babyboomer.

Andere Szenarien unterschieden sich hinsichtlich des Ausbaus der digitalen Infrastruktur. Ein flächendeckender Ausbau könnte eine weitgehende Liberalisierung des Arbeitsmarktes nahezu ohne soziale Sicherung zur Folge haben. Es könne aber auch zu einem sich vertiefenden Gegensatz zwischen Stadt und Land – und in der Folge zwischen arm und reich – kommen oder zur verschärften Konkurrenz der Bundesländer untereinander um hochqualifizierte Freiberufler. Eine solche zunehmende Regionalisierung der Wirtschaft würde Einigungen auf Bundesebene immer schwieriger machen.

Das letzte Szenario schließlich läuft unter dem Titel "Digitales Scheitern" – und klingt in der Tat wie ein Scheitern auf ganzer Linie: "Weder die Industrie, noch Politik und Regulierung konnte mit dem technologischen Wandel Schritt halten. (...) Die alternde Gesellschaft ist technologieskeptisch. (...) Es herrscht eine hohe Arbeitslosigkeit und ein niedriges Lohnniveau."

Alle Szenarien legen ein wachstumsorientiertes Wirtschaftsmodell zugrunde. So erscheint das bedingungslose Grundeinkommen im ersten Szenario denn auch wie ein Trostpflaster für die aus dem Arbeitsleben Ausgestoßenen und wie ein Luxus, den sich nur eine starke Wirtschaftsnation leisten kann. Hinter der Idee eines allgemeinen Grundeinkommens stehen aber auch Ansätze zu grundlegend neuen Formen des Wirtschaftens jenseits des grenzenlosen Wachstums, hin zu mehr ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit, die gerade durch neue digitale Technologien realisierbar werden. Die Studie wäre überzeugender gewesen, hätte sie zumindest die Möglichkeit einer Weichenstellung in diese Richtung für die Jahre bis 2030 in Betracht gezogen.

Natürlich könnten die Leserinnen und Leser aus den Szenarien ihre eigenen Schlüsse ziehen, heißt es im Fazit der Studie. Deren Verfasser heben gleichwohl zwei Ansätze für das politische Handeln hervor, die für sie "den Kern der sozialen Marktwirtschaft ausmachen": "Einerseits muss die Politik die Wirtschaftskraft im Auge haben. Denn nur eine starke Wirtschaft kann gute Beschäftigungschancen liefern. Hier lohnt es, sich intensiver mit den hier identifizierten Treibern zu befassen, die in die Szenarien führen. Andererseits soll diese Wirtschaft sozial gestaltet sein. Dazu müssen sich Parlament und Regierung mit den hier identifizierten strategischen Handlungsfeldern zu Organisationsformen, Beschäftigungsentwicklung und Weiterqualifizierung auseinandersetzen." (mho)