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Diskussion über Springers Bezahlinhalte

Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts, hat mit der gestrigen Ankündigung kostenpflichtiger Berichte auf der Website der Zeitung ein lebhaftes Echo hervorgerufen. In dem Forum zu dem Beitrag in eigener Sache sammelten sich 485 überwiegend kritische Kommentare an, die Iken zu einem weiteren Beitrag veranlasst haben. Darin weist er den Vorwurf zurück, er habe Internetnutzer beschimpft.

Lokal- und Regionalberichte sowie Archiv-Material kosten bei abendblatt.de, das zum Verlag Axel Springer gehört, künftig Geld. Iken hatte dies unter anderem so begründet: "Ist es zu viel verlangt, in Zeiten, wo aufgeschäumter Kaffee im Pappbecher drei Euro kostet oder das Telefonvoting für sinnbefreite Casting-Shows mindestens 50 Cent, für das Produkt Qualitätsjournalismus knapp 30 Cent am Tag zu bezahlen?" Einem Leser, der darin eine Beschimpfung sah, erwiderte Iken nun, sein Text sei als Vergleich gedacht gewesen. "Jeder kann sein Geld ausgeben, wie er will. Aber genauso wenig, wie die Coffeeshops ihren Kaffee verschenken, verschenken wir fortan unsere Inhalte. Auch das gehört zur Freiheit."

Iken schrieb, er wisse selbst noch nicht, ob das Bezahlmodell funktioniere, betonte aber noch einmal, dass es notwendig gewesen sei, das Geschäftsmodell zu überdenken. Beim Thema Gratisanbieter, die eine Konkurrenz zu bezahlten Inhalten darstellen, wies Iken auf die Netzeitung hin, die zum Jahresende eingestellt wird. Das Internet habe zwar Erfinder zu Millionären gemacht. "Dass die besten Dinge im Netz aber umsonst sind, halte ich für eine unbewiesene Annahme aus Zeiten des 'New-Economy'-Geschwätz. Apple mit iTunes beweist beispielsweise gerade das Gegenteil."

Scharfe Kritik an den Bezahldiensten von abendblatt.de hatte der Medienjournalist Stefan Niggemeier in seinem Weblog geäußert. Dieser sah in Ikens Ankündigung eine "Frechheit". Sie lese sich fast, als sollten sich Leser von Online-Medien schämen, dafür so lange nichts gezahlt zu haben. Das Abendblatt folge der Strategie der Musikindustrie, die sich jahrelang geweigert habe, dem Wunsch der Kundschaft nachzukommen, einzelne Musiktitel erwerben zu können. Die Musikindustrie habe aber um jeden Preis am für sie lukrativen Geschäftsmodell der CD festhalten wollen. Iken hat mittlerweile den Vorschlag eines Lesers als plausibel bezeichnet, nicht pauschal fast 8 Euro im Monat für kostenpflichtige Artikel zu verlangen, sondern ein Kontosystem für sporadische Besucher der Website einzurichten. Der Vorschlag werde diskutiert.

Zu einer Reaktion auf Nutzerkommentare veranlasst sah sich auch das Team, das beim Boulevardblatt Bild des Verlags Axel Springer für die kostenpflichtige iPhone-App zuständig ist. Die seit Kurzem erhältliche App kostet 79 Cent. Dafür stehen den Nutzern einen Monat lang alle "Premium"-Funktionen zur Verfügung. Jeder weitere Monat kostet 1,59 Euro, beziehungsweise 3,99 Euro, wenn die Leser ein PDF des Blatts vorab beziehen wollen. In vielen Nutzerrezensionen ist die Rede von technischen Mängeln, aber auch von "versteckten Kosten" und "Abzocke". Das "Bild App Team" schrieb in Form einer eigenen Nutzerrezension in Apples App Store, die Leser hätten die Wahl, das Angebot für knapp 80 Cent einen Monat lang zu testen und danach monatsweise zu abonnieren. Das Bezahlmodell sei von Beginn an transparent mitgeteilt worden.

Die Bezahlung der eigentlich für Nicht-Abonnenten kostenpflichtigen Inhalte bei abendblatt.de lässt sich auf verschiedenen Wegen umgehen. Der Nutzer kann die Überschrift eines solchen Artikels in Googles Newssuche eingeben. Der dann verlinkte Artikel ist dann voll zugänglich. Besitzer eines Firefox können mit Hilfe der Erweiterung "User Agent Switcher" ihren Web-Browser sich als Googlebot oder als einen Such-Roboter von Yahoo oder MSN ausgeben lassen. Dann ist jeder Klick auf einen abendblatt.de-Artikel kostenlos. Auch über das mobile Angebot von abendblatt.de gibt es keine Kostenschranken.

Nach Angaben von Jochen Herrlich, General Manager Online beim Abendblatt, sind die Hintertüren mit Absicht belassen worden. Leser sollten durchaus über Google und andere Suchmaschinen an abendblatt.de herangeführt werden, um sich von dem Angebot überzeugen lassen zu können, sagte Herrlich gegenüber heise online. Nur eine Minderheit werde technisch so versiert sein, die Bezahlschranken komplett lüften zu können. Auch wolle das Abendblatt auf Googles Angebot eines verfeinerten Nachrichten-Crawlers eingehen, sobald er verfügbar sei. Für Herrlich ist es wichtig, den bisherigen Abonnenten mit den kostenpflichtigen Inhalten ein Zeichen der Wertschätzung zu geben. Die Bezahlangebote seien in den zwei Tagen ihres Bestehens insgesamt gut angekommen, es seien mehr Abos abgeschlossen worden, als die Zeitung vorher kalkuliert habe. (anw)

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