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Display Week 2019: China greift zu Krone und Zepter

Gleich zum Start der Display Week macht ein Redner klar, wer künftig regieren will: Die chinesischen Hersteller rütteln die Displayindustrie auf – und durch.

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(Bild: heise online / Ulrike Kuhlmann)

Keynotes zur Eröffnung von Messen und Kongressen wollen inspirierend, sie lassen aufhorchen, liefern im besseren Fall interessanten Gesprächsstoff und sind nur selten langweilig. Auf dem Jahrestreffen der Displaygemeinde war alles dabei: Ein Google-Manager nervte, ein Samsung-Manager glänzte und BOEs Technikleiter verkündete Überraschendes.

Die Keynote-Session eröffnete Jinoh Kwag. Der Chef der Forschungssparte von Samsung SDI erläuterte, warum die flexiblen Displays einen Paradigmenwechsel einläuten und welche neuen Anwendungen damit möglich werden – vom mobilen Großdisplay bis zum Biosensor für Diabetiker. Dass Samsung sich jüngst bei seinem Faltdisplays Galaxy Fold nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat, ließ der Forschungsleiter im Rahmen seiner Keynote unter den Tisch fallen.

Immerhin hatte sich Samsungs Kwag im Vorfeld ganz offensichtlich Gedanken über seine Präsentation gemacht hat. So startete er mit den aus seiner Sicht vier größten Theorien der letzten Jahrhunderte, nämlich denen von Freud, Einstein, Darwin und Gödels, und zeigte, wie wir von deren Erkenntnissen heute im Alltag profitieren.

Die Keynote-Session platzte in diesem Jahr aus allen Nähten, die Display Week vermeldet Besucherrekord.

(Bild: heise online / Ulrike Kuhlmann)

Die auf Kwag folgende Keynote von Rick Osterloh konnte man dagegen allenfalls liebloses Marketinggewäsch, wenn nicht gar eine Zumutung nennen: Der bei Google für Geräte und Services zuständige Manager verpasste seine Chance und zeigte dumme Videoclips statt beispielsweise über einen der vielen spannenden Forschungsansätze des Internetgiganten zu berichten.

Und dann kam die Keynote von Wenbao Gao. Wenbao Gan ist beim chinesischen BOE für Displays und Sensoren zuständig. Auch er startete historisch mit einem kurzen Abriss der Displaygeschichte und deren Entdeckern – von Ferdinand Braun (CRT) über Martin Schadt (LCD) bis zu Ching Wan Tang (OLED) –, um dann relativ schnell auf das eigene Unternehmen zu kommen: Die Auflistung der Produktionsstätten, technischen Innovationen, Produkteinführungen, Erfolge und Pläne schien kein Ende zu nehmen.

Während solche Präsentationen eines chinesischen Display-Herstellers vor nicht mal zehn Jahren nur ein müdes Lächeln auf die Lippen der Anwesenden geholt hätte nach dem Motto "ja ja, erzählt ihr ruhig, und dann zeigt mal, wie ihr da hinkommen wollt", wurde es jetzt immer stiller im Saal – BOE und andere chinesische Unternehmen haben längst bewiesen, dass sie den etablierten Firmen das Wasser reichen können.

Und das ist kein Zufall: So investiert BOE sieben Prozent seines Umsatzes in Forschung und Entwicklung, hält über 70.000 Patente und ist seit dem ersten Quartal 2019 die Nummer 1 unter den Panelproduzenten. Natürlich steckt hinter den Erfolgen der neuen Giganten der Displayindustrie auch eine Menge staatliches Geld, weshalb sie beispielsweise bei neuen Panelfabriken keine Abschreibungskosten einkalkulieren müssen.

BOE zeigt auf der Display Week seine neuesten Entwicklungen, vom großen 8K-LCD mit 120-Hz-Refresh bis zum faltbaren Smartphone-OLED.

(Bild: heise online / Ulrike Kuhlmann)

Wenbao Gao wies in seiner Keynote darauf hin, dass die Displaypreise in den letzten Jahren extrem gefallen sind. So kostete ein 32-zölliges TV im Jahr 2005 noch rund 2000 US-Dollar, 2018 waren es nur noch gut 200 $. An diesem Preisverfall hat BOE zumindest im letzten Jahr kräftig mitgewirkt. Für den CEO der BOE-Gruppe ist jedoch klar, dass angesichts der Preise und der damit verbundenen geringeren Margen nur die Flucht nach vorn bleibt: Das erst 1992 gegründete Unternehmen wolle sich künftig nicht mehr mit der Displayfertigung begnügen, sondern komplette Systeme und Software entwickeln. Man hörte die Besucher der Keynote förmlich schlucken – belächelt hat diese Ambitionen niemand mehr. (uk)