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Dokumentarfilm "The Cleaners": Facebooks dunkles Geheimnis

Auf den Philippinen arbeiten tausende sogenannte Content-Moderatoren in gesichtslosen Großraumbüros. Ihr Job: Den Müll auf Facebook und Co. entsorgen.

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Dokumentarfilm "The Cleaners": Facebooks dunkles Geheimnis

(Bild: Gebr. Beetz/Farbfilm Verleih)

Am Anfang sehen wir Mark Zuckerberg. Der Facebook-CEO gibt eine seiner zahllosen Pep-Talks über diese tolle Plattform und wie sie die ganze Welt vernetzt und bereichert. Tatsächlich kann Facebook ein tolles Werkzeug sein – wenn nicht so viele Menschen drauf wären. Denn eine Plattform, auf der sich Menschen vernetzen und alles mögliche teilen können, spült unweigerlich auch all das an die Oberfläche, was die Spezies Mensch in den dunkelsten Ecken ihrer Seele ausbrütet.

Dafür sind die "Cleaner" zuständig. Heerscharen von Clickworkern, die in namenlosen Bürogebäuden irgendwo auf der Welt den ganzen Tag damit verbringen, die Ausgeburten menschlicher Abgründe zu entsorgen. Sie entscheiden darüber, ob Fotos oder Videos gegen die Community-Regeln verstoßen und von der Plattform gelöscht werden. Das machen sie nicht nur für Facebook, sondern wohl auch für alle anderen "sozialen" Medien.

Wenn Facebook-Manager unter den bohrenden Fragen von US-Kongressabgeordneten von den "tausenden Mitarbeitern" sprechen, die für das Unternehmen die Einhaltung der Regeln überwachen, dann sind damit diese "Content-Moderatoren" gemeint. Sie sind keine direkten Angestellten der amerikanischen Plattformbetreiber, sondern von ausländischen Dienstleistungsunternehmen. Wenn etwas schiefläuft, ist immer der Dienstleister verantwortlich. Facebook und Co. sourcen ihre Drecksarbeit in die Dritte Welt aus.

"The Cleaners" findet tolle Bilder für den Outsourcing-Dschungel Manila.

(Bild: Gebr. Beetz/Farbfilm Verleih)

Zum Beispiel in die Philippinen. Die Regisseure Hans Block und Moritz Riesewieck haben ein paar Content-Moderatoren aufgetan, die für so einen Social-Media-Dienstleister in Manila arbeiten. Die Branche ist höchst diskret. Die Angestellten dürfen über ihren Job nicht sprechen, müssen Verschwiegenheitsklauseln unterschreiben. Auch der Auftraggeber wird hinter einem Codenamen versteckt: Wer für Facebook moderiert, arbeitet offiziell für "Project Honeybadger" (Honigdachs).

In einem Großraumbüro mit zahllosen Callcenter-Cubicles sitzen hunderte Angestellte und klicken den ganzen Tag die schlimmsten Bilder weg, die man sich vorstellen kann. Kinderporno. Selbstmord vor laufender Kamera. Enthauptungen mit Küchenmessern. Mord. Bombenattentate. "Löschen" oder "Ignorieren". Aber eben auch: Harmlose Nacktfotos. Satire. Propaganda. "Löschen" oder "Ignorieren".

25.000 Bilder am Tag ist die Zielvorgabe, sagt einer der Moderatoren. Es ist ein knochenharter Akkordjob. Die Bilder sind eine schwere psychische Belastung. "Es hat mich verändert", sagt eine Moderatorin. "Es ist wie ein Virus, der sich durch mein Gehirn frisst." Trotzdem sind die Moderatoren sehr stolz auf ihren Job. Die Philippinen sind ein erz-katholisches Land, viele der Moderatoren sind zutiefst gläubig. Der katholische Opfergedanke lebt in ihnen: Sie opfern sich für den Fortschritt und die moderne Gesellschaft.

Auslöser für die Recherche war ein gelöschtes Video, erzählt Hans Block bei der Premiere von "The Cleaners" am vergangenen Dienstag in Berlin. Sie wollten wissen, wer unerwünschte Inhalte eigentlich löscht. Bei Facebook und Co. rennt man mit solchen Fragen vor die Wand: Die US-Netzwerke erzählen nichts, was ihnen nicht ins Narrativ passt. Nach Monaten gelang den Regisseuren der Kontakt zu den Moderatoren in Manila. Es hat dann noch einmal gedauert, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.

Die Regisseure und Produzenten bei der Deutschlandpremiere im Berliner Kino International.

(Bild: heise online)

Wenn "The Cleaners" ganz dicht bei den Moderatoren bleibt, ist er am besten. Die Filmemacher finden tolle Bilder im Outsourcing-Dschungel Manila. Der Zuschauer erhascht einen kurzen Blick auf das Leben der jungen Clickworker. Der Job ist ein Weg aus den Slums Manilas, in dem einige noch leben. Ein anderer hat ein kleines Kind und wohnt in einem modernen Appartementkomplex. Content-Moderation ist in den Philippinen auch eine Chance für den Aufstieg in die Mittelschicht.

Die Content-Moderatoren operieren in einer Grauzone, sobald es um Inhalte geht, die nicht überall auf der Welt rechtlich vergleichbar sanktioniert werden. Was bei uns unter freie Meinungsäußerung fällt, mag anderswo als anstößig gelten. Zum Beispiel wurde die inzwischen weltberühmte Karikatur eines nackten Donald Trump mit kleinem Penis von der Plattform gelöscht.

Die Künstlerin aus Los Angeles versteht das nicht, schließlich ist ein nackter Körper an sich nichts Anstößiges. Auch gibt es in unseren Breitengraden nicht wenige Leute, die das für normale Satire halten. Die Content-Moderatoren in Manila können erklären, warum: Wenn etwas herabwürdigend ist, wird gelöscht. "Es würdigt Donald Trump in seiner Persönlichkeit herab, deshalb muss es gelöscht werden."

So wirft der Film die Frage auf, wie viel Schaden eine Gesellschaft nimmt, die Entscheidungen über die Form des Diskurses einer Armee von namenlosen Klicksklaven überlässt. Diese Frage kann der Film nicht beantworten – auch weil sich die Plattformbetreiber einer offenen Debatte entziehen. "The Cleaners" lässt das Publikum mit einem Gefühl der Machtlosigkeit zurück, mit ein paar Clickworkern in Manila als letzte Verteidigungslinie.

Weil den Moderatoren die Rolle des Schiedsrichters in den ideologischen Debatten der westlichen Welt zukommt war die Versuchung wohl zu groß, das ganz große Rad zu drehen: Duterte. Erdogan. Trump. Fake News. Haben wir das alles wirklich nur Facebook zu verdanken? Zwischen diesen großen Debatten des Westens verliert "The Cleaners" ein bisschen den Faden und gerät aus der Balance.

Hier hätten sich die Filmemacher entscheiden können, einfach bei ihren Protagonisten zu bleiben. Gerne hätte man mehr über die Menschen und ihre Lebensumstände erfahren. Doch die unbedingt sehenswerte Geschichte der Content-Moderatoren im "Outsourcing-Dschungel" Manila muss sich dem westlichen Narrativ unterordnen, wie soziale Medien den neuen Populismus befördern. Damit bürdet auch "The Cleaners" den Moderatoren eine Verantwortung auf, die sie nicht tragen können. Stellenweise entsteht so der Eindruck, dass auch der Film seine Protagonisten nur benutzt. Sehenswert ist er trotzdem.

Quelle: Gebr. Beetz/Farbfilm Verleih

"The Cleaners" ist ab sofort im Kino. Der Film hatte Weltpremiere auf dem Sundance Festival 2018 und war auch auf der re:publica schon zu sehen. In Berlin war die Deutschlandpremiere im Rahmen der Reihe "Tech Cinema" der Stiftung Neue Verantwortung. Die Koproduktion der Gebrüder Beetz mit verschiedenen Fernsehsendern (unter anderem Arte, NDR, WDR und RBB) dürfte dann auch ins Fernsehen kommen. (vbr)

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