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Doppelsieg: Österreichs Innenminister verteidigt Big Brother Award

Eine wenig ehrenvolle Titelverteidigung ist Österreichs Innenminister Wolfgang Sobotka gelungen: Er gewann diesmal nicht nur einen sondern sogar zwei Big Brother Awards.

Theatergebäude

Die Gala der Big Brother Awards Austria fand wieder im Wiener Rabenhof Theater statt.

(Bild: Häferl CC-BY-SA 3.0-at)

Der "fast tägliche Forderungskatalog [von Innenminister Wolfgang Sobotka] nach neuen Überwachungsmaßnahmen" hat dem ÖVP-Politiker den österreichischen Big Brother Award 2017 in der Kategorie Politik beschert. Zudem bekam der Minister in der offenen Volkswahl die meisten Stimmen. Bereits im Vorjahr ging dieser Preis an Sobotka, damals gemeinsam mit dem von ihm geforderten und geförderten Bundestrojaner.

Zeremonienmeister eSeL präsentiert eine der "Trophäen".

(Bild: Joanna Pinka)

Das Volk muss seine Wahl nicht begründen, die Jury schon: Sobotka wolle alle Handys registrieren, Lauschangriff auf Autos, Mobiltelefone als Wanzen einsetzen, eine erkennungsdienstliche Erfassung aller Einreisenden, einen QR-Code für jeden Bürger, Fußfesseln für Verdächtige, das Versammlungs- und Demonstrationsrecht einschränken, die Kommunikation im Internet stärker Überwachen, auf Videoaufnahmen des Autobahnbetreiber ASFINAG sowie privater Betreiber zugreifen, und so weiter.

Preiswürdig war für die Jury auch Amazons "smarte" Lautsprecherserie Echo, die den "Widerhall aus unserem Heim, unser privates Echo belauscht" und zur Analyse in die Cloud überträgt. Dafür gab es den Big Brother Award für Weltweiten Datenhunger.

In der Sparte Kommunikation und Werbung reüssierte mit Facebook ebenfalls ein amerikanischer Großkonzern. Denn er bietet Werbetreibenden Microtargeting anhand von Persönlichkeitsprofilen an. Inzwischen nicht mehr im Portfolio sind Zielgruppen wie Antisemiten oder Fans des Ku Klux Klan. Doch teilt Facebook für Werbezwecke Jugendliche weiterhin in Gemütsverfassungsklassen wie "wertlos", "unsicher", "besiegt", "ängstlich", "dumm" oder "nutzlos" ein.

Georg Markus Kainz, Obmann des Veranstalters quintessenz

(Bild: Joanna Pinka)

Wesentlich kleinere Brötchen als Amazon und Facebook bäckt der Grazer Bäcker Martin Auer. Für eine komplett bargeldlose Filiale gewann er dennoch einen der Negativpreise, nämlich in der Rubrik Business und Finanzen. Die Jury hält es für den falschen Weg, Grundnahrungsmittel nur jenen zu geben, von "Banken würdig und alt genug für eine Bankomat- oder Kreditkarte" befunden werden.

Außerdem zwinge die bargeldlose Auer-Filiale "uns Kunden, Informationen über uns preiszugeben, die für den Kauf einer Semmel nicht notwendig" sind. Auer wiederum verweist auf Gutscheinkarten für Kinder, und verspricht, bei Stromausfall Brot herzuschenken.

Im September hat das World Wide Web Consortium (W3C) beschlossen, dass Encrypted Media Extensions (EME) zukünftig Teil des Internet-Standards sind. EME ist eine Schnittstelle für Digital Restriction Management und soll zukünftig in jedem Browser enthalten sein. "Damit hält erstmals in theoretisch komplett als Freie Software programmierbare Browser ein proprietärer Standard Einzug", kritisierte die Jury der Big Brother Awards Austria und verlieh dem W3C den Preis für Behörden und Verwaltung.

Veranstalter der Big Brother Awards Austria ist der Verein quintessenz, der sich für Bürgerrechte im digitalen Zeitalter einsetzt. Die sechs Preisträger wurden Mittwochabend, dem Vorabend des österreichischen Nationalfeiertags, im Rahmen einer Gala im Wiener Rabenhof Theater bekannt gegeben. (ds)

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