Dual Use: EU soll autonome "nicht-tödliche" Waffensysteme vorantreiben

Die Gemeinsame Forschungsstelle der EU-Kommission empfiehlt, einen Schwerpunkt auf die Entwicklung "nicht-tödlicher" Waffengewalt durch unbemannte Plattformen zu legen, die zivil und militärisch genutzt werden können.

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Dual Use: EU soll autonome "nicht-tödliche" Waffensysteme vorantreiben

Taser

(Bild: dpa / Daniel Karmann)

Von
  • Stefan Krempl

Das Joint Research Centre (JCR) der EU-Kommission sieht wachsenden Bedarf an "nicht-tödlichen" autonomen Waffen, die für zivile und militärische Zwecke eingesetzt werden können ("Dual Use"). Diese seien "die erste Wahl" für den Zivilschutz, schreibt die Gemeinsame Forschungsstelle in einem Aufgabenbuch von Ende Dezember, das die britische Bürgerrechtsorganisation Statewatch jetzt veröffentlicht hat. Auch könnten damit "militärische Nutzer" zugewiesene Aufgaben erfüllen.

Das Militär suche vielfach nach modularen Waffen, um Kosten zu sparen. Solche Fähigkeiten und Ausrüstungen könnten auf den ersten Blick zwar als rein militärisches Thema gelten, heißt es weiter. Aber jedes Dual-Use-Sicherheitssystem sollte nicht die Option ausschließen, bewaffnete Module zu integrieren. Schließlich müssten auch Plattformen, die für die zivile Sicherheit sorgen sollten, Angriffe abwehren oder Eindringlinge unschädlich machen können.

Bei den nicht-tödlichen Abwehrmitteln blickt das JCR vor allem auf Akustik- und Elektroschockwaffen, die im sicherheitsindustriellen und militärischen Komplex gerade als "disruptive Innovationen" gehandelt werden, die Verhältnisse auf dem Schlachtfeld völlig umkrempeln könnten. Jüngste Waffenentwicklungen wie Hochenergielaser und elektrische Schienenkanonen ("Railguns") basierten auf der Leistungselektronik, heißt es in dem Aufgabenbuch. Dieser Trend verringere die Abhängigkeit von Munition und mache den gezielten Einsatz von Strom und Elektronik zur hauptsächlichen Waffenressource, was wiederum das modulare Design von Systemen begünstige, bei dem die Waffe optional sei.

Nicht-tödliche Wirkmittel seien bereits in vielen Formen verfügbar. Zu den neuen Varianten gehörten Hyperschall und hochintensive Geräusche oder der Einsatz von Netzen, um fliegende Drohnen oder propellergetriebene Flugvehikel zu stoppen. Laserwaffen, die gerade entwickelt würden, könnten ihre Strahlkraft sehr fein justieren. So könnten feindliche Systeme außer Kraft gesetzt werden, ohne sie völlig zu zerstören. Auch könnten mit Mobilfunk-Jammer oder elektromagnetischen Impulsen insbesondere unbemannte Objekte ausgeschaltet werden.

Das JCR rät, modulare Dual-Use-Systeme mit Plattformen zu entwickeln, die je nach der zu bewältigenden Aufgabe mit verschiedenen "Nutzlasten" bestückt werden könnten. Diese könnten besser skalieren als traditionelle. Statewatch kommentiert, dass der Begriff "nicht-tödliche Waffen" ein Euphemismus sei: Die meisten solcher Geräte wie Taser seien in gewissen Anwendungsfällen dennoch tödlich. Trotzdem experimentierten Polizeikräfte etwa in den USA, Kanada, Australien, den Niederlanden oder Großbritannien verstärkt mit solcher Technik, um vor allem das Verhalten größerer Menschenmassen zu beeinflussen. Generell verweisen Wissenschaftler darauf, dass der Einsatz von "weniger tödlichen Waffen" durch Sicherheitsbehörden die Hemmschwelle erheblich senken könne, solche Waffen anzuwenden. (anw)