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E-Publishing-Revolte in der Wissenschaft

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Immer mehr Wissenschaftler reagieren mit "zivilem Ungehorsam" auf die restriktiven Praktiken zahlreicher Fachverlage, die von Autoren verstärkt die Abtretung aller Rechte und satte Gebühren von den auf Publikationen angewiesenen Forschern verlangen. Vorreiter sind die Mathematiker, die über ihren Weltverband, die International Mathematical Union (IMU), in den vergangenen Jahren klare Empfehlungen zum elektronischen Publizieren in Eigenregie abgegeben haben. Die neuesten Richtlinien will die IMU am Montagabend auf ihrer Website veröffentlichen. Die Grundsätze, die sich weit gehend mit den Richtlinien des deutschen Math-Net decken, erläuterte Martin Grötschel, Mitglied des Leitungsgremiums der IMU und Vizepräsident des Konrad-Zuse-Zentrums für Informationstechnik Berlin am Freitag auf einer Urheberrechtskonferenz der Heinrich-Böll-Stiftung in der Hauptstadt. Demnach wird jeder Mathematiker angehalten, seine Publikationen elektronisch in offenen Formaten ins Netz zu stellen und seine Werke so allgemein zugänglich zu machen.

Die Palastrevolte speist sich aus dem Ärger der Forscher, dass sich die Debatte um die Entwicklung der Informationstechnik immer weniger um die Verbesserung der Informationsversorgung und die Erhöhung der Bildungschancen dreht. Stattdessen, so Grötschel, gehe es fast nur noch um die "rechtliche und technische Wissensverwertung" des eigentlich zu "99 Prozent" mit öffentlichen Mitteln geförderten "Eigentums" und um die Einkerkerung von Wissen. "Wir müssen nach Frankfurt fahren, um dort im Bunker der Deutschen Bibliothek eine E-Kopie lesen zu können", empört sich Grötschel über die jüngsten Absprachen auf dem deutschen Fachinformationsmarkt. Es könne aber nicht angehen, dass Verlage das Urheberrecht nutzen würden, um öffentliche Rechte auszuhebeln. "Wir sind die Autoren, die anderen nur die Vermarkter", meint der Mathematikprofessor von der TU Berlin.

Das Ziel der vereinten Mathematiker ist der Aufbau einer weltweiten Digital Mathematical Library, mit der die gesamte mathematische Literatur im Netz ohne Zugangsbescchränkungen archiviert werden soll. "Wir brauchen zehn Terabyte und 100 Millionen US-Dollar", erläutert Grötschel den Plan, für den mehrere Länder bereits ihre Zustimmung signalisiert haben. Erste Ansätze zu dem ambitionierten Projekt, mit dessen Verwirklichung "zwei Drittel der Weltliteratur" online verfügbar wären, sieht der Wissenschaftsbeförderer im Archiv ArXiv aus dem Umfeld der Physiker, das seine Serverheimat an der Cornell University in den USA hat und von zahlreichen Universitätsservern aus durchsucht werden kann.

Mittlerweile ist der Trend zum freien wissenschaftlichen Publizieren über die Initiative einzelner "rebellischer" Akademiker hinausgewachsen und umfasst ein Netz von "Wissenschaftlern, Bibliotheken, Institutionen, Fachgesellschaften und Grassroots-Kampagnen", erzählt Diann Rusch-Feja, Leiterin der wissenschaftlichen Information des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin. Was der Physiker Paul Ginsparg 1991 mit seinem ersten "Preprint-Server" in Los Alamos losgetreten habe, sei inzwischen zu einem Verbund zahlreicher Wissensdepots mit Texten, Grafiken, Simulationen und AV-Segmenten angewachsen. Rusch-Feja nennt an übergreifenden Netzwerken etwa die Open Archives Initiative (OAI). Dabei gehe es neben der Verbreitung der politischen Philosophie, dass "Wissenschaft in den Händen der Wissenschaft bleibt", auch um die technische Spezifizierung von interoperablen Standards zur besseren Durchforstung der Informationsberge. Das anstehende neue OAI-Protokoll 2.0 sehe etwa Möglichkeiten zur Auslese von Metadaten für die Suche in den Archiven auf der Basis von XML vor. Eine ähnlich gelagerte Plattform mit Schwerpunkt auf Deutschland will das Tübinger Open Community Project etablieren.

Vielversprechend scheint der Max-Planck-Bibliothekarin auch die Budapest Open Access Initiative, die Ende 2001 aus einem Treffen des Open Society Institute hervorgegangen ist, das der ehemalige Finanzspekulant George Soros fördert. Sie pocht auf den freien Online-Zugang zur wissenschaftlichen Fachzeitschriftenliteratur für alle akademischen Felder. Fast 30.000 Forscher haben zudem bereits ein Memorandum der amerikanischen Public Library of Science unterzeichnet, dass die Freigabe von wissenschaftlichen Reports durch die Verleger nach sechs Monaten fordert. Einen Mittelweg zwischen der "Selbst-Veröffentlichung" im Web und dem traditionellen Verlagsweg sucht ferner die Scholarly Publishing in Academic and Research Coalition (SPARC) zu etablieren. Wissenschaftler organisieren ihre Publikationen und den "Peer-Review" zur Qualitätskontrolle dort selbst und wollen so den "Disfunktionalitäten im Forschungskommunikationsmarkt" entgegenwirken. (Stefan Krempl) / (Stefan Krempl) / (jk)

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