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E-Scooter beschäftigen Erfurter Behörden – andere Städte zögerlich

Seit fast zwei Monaten rollen Miet-E-Scooter durch Erfurt. Reaktionen sind bisher gespalten, weshalb die Stadt mit dem Vermieter ins Gespräch kommen möchte.

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(Bild: Pixabay)

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Seit 56 Tagen sind sie im Einsatz und schon etwa 60 Mal waren sie ein Fall für die Polizei: Seit Anfang Juli rollen E-Scooter zum Mieten auf Erfurts Straßen und seitdem ist kaum ein Tag ohne Probleme mit den elektrischen Tretrollern vergangen. Die Stadt will sich deshalb noch im August zu einem Gespräch mit dem Vermieter der Roller, der schwedischen Firma Voi, treffen, sagte Erfurts Pressesprecher Daniel Baumbach. In den Blick genommen würden unter anderem geregelte Stellplätze, damit die E-Tretroller nicht an unterschiedlichen Orten abgestellt und liegengelassen werden. Sonst seien die Scooter als Gefahr im Straßenraum vor allem für sehschwache oder blinde Menschen sowie Fahrradfahrer nicht hinnehmbar, sagte Baumbach.

Für die Polizei werden die Scooter vor allem dann zum Problem, wenn Betrunkene oder anderweitig Berauschte sich auf die Tretroller schwingen. Dabei gelten auf den Zweirädern Grenzwerte für Alkohol, Drogen und Medikamente wie für Autofahrer. 45 Mal erwischte die Polizei nach Angaben von Freitag Fahrer mit Alkohol im Blut, außerdem 4 Fahrer unter Drogeneinfluss. Dazu kamen 11 Fälle, in denen die Fahrer mit nicht zugelassenen Tretrollern unterwegs waren. Zugleich registrierte die Polizei in der Zeit aber nur einen Unfall.

Willkürlich abgestellte Tretroller und betrunkene Fahrer bezeichnet der Verleiher der Scooter in Erfurt derweil als negative Einzelfälle, auf die man gut reagieren könne. So seien die Tretroller jederzeit ortbar und könnten von einem Mitarbeiter umgeparkt werden. Außerdem stünden in der zum Leihen nötigen Smartphone-App Tipps zum sicheren Fahren.

In Erfurt hat Voi nach eigenen Angaben eine niedrige dreistellige Anzahl an E-Scootern auf die Straßen gestellt. Das Angebot werde täglich an die Nachfrage angepasst. "Der Vorteil ist hierbei, dass wir in Erfurt unsere zentrale Produktionsstätte für Deutschland haben", sagte ein Unternehmenssprecher.

Erfurt ist die erste Stadt in Thüringen, die E-Scooter in Zusammenarbeit mit einem Vermieter flächendeckend bereitstellt. Weimar etwa winkt dagegen erstmal ab. "Wir hatten uns mal darum gekümmert, aber wir wollten keine Erfurter Verhältnisse", sagte der Leiter der Marketinggesellschaft Weimars, Mark Schmidt, in Bezug auf die genannten Probleme in der Landeshauptstadt. Außerdem habe die Marketinggesellschaft bei mehreren Anbietern angefragt. Aus deren Sicht sei Weimar mit etwa 65.000 Einwohnern zu klein und nicht attraktiv genug für die E-Scooter-Vermietung.

Auch bei Voi heißt es: "Generell sehen wir in allen Städten über 100.000 Einwohnern Potenzial." Das Unternehmen plane jedoch bis Ende des Jahres, auch in anderen Thüringer Städten aktiv zu werden – welche, das hänge von Gesprächen mit den Städten ab.

Neben Erfurt mit mehr als 210.000 Einwohnern kommen zumindest nach der von Voi genannten Größenordnung allerdings nur noch Jena mit etwa 110.000 und Gera mit knapp 95.000 Einwohnern in Frage. Von Seiten der Stadt Gera heißt es, E-Scooter seien nicht geplant. In der Stadtverwaltung werde aber über die Vermietung von E-Fahrrädern nachgedacht.

Umstritten ist derweil die Umweltverträglichkeit der Tretroller. In Deutschland arbeite Voi mit Batterien, die bis zu 10.000 Mal wieder aufgeladen werden können, sagte der Unternehmenssprecher. Das entspreche einer Lebensdauer von etwa acht Jahren. Teile irreparabler E-Scooter würden wiederum verwendet, um andere Tretroller auszubessern. Alle in Erfurt fahrenden Miettretroller werden laut dem Sprecher zudem mit Solarstrom betrieben: Die Lager- und Fertigungszentrale in Erfurt beziehe den Strom nämlich aus einer Solarenergieanlage auf dem Dach.

Im Hintergrund des E-Scooter-Verleihs

(Bild: Peeradontax/Shutterstock.com)

Geht der Saft aus, hat der E-Scooter Feierabend. Er braucht dann jemanden, der ihn zurück zur Steckdose bringt. Dafür braucht es Menschen mit starken Nerven.

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Trotz des Hypes um E-Scooter sehen Fachleute in den Elektroflitzern bisher keine ernsthafte Konkurrenz für etablierte Mietfahrradsysteme. Auf längeren Strecken, hinsichtlich der Kosten und der Sicherheit seien Fahrräder überlegen, sagte Norbert Sanden, Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) in Hessen: "E-Scooter sind Fun-Geräte." Die Mietradanbieter haben sich in den vergangenen Jahren einen harten Konkurrenzkampf geliefert. Seit Juni mischen auch Anbieter mit Mietsystemen für E-Scooter beim Kampf um Kunden mit.

Während die E-Scooter seit Monaten im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen, ist es um Mieträder still geworden. ADFC-Sprecher Sanden sieht beim Kampf um die Kunden trotzdem die Räder im Vorteil. "Fahrräder sind viel komfortabler zu nutzen, vor allem auf dem Radweg", sagt er. Wer längere Strecken fahre, für den sei es nicht sinnvoll, auf einen E-Scooter umzusteigen. Beispielsweise seien die Räder schneller. Nur wenn es um die Mitnahme in Bus und Bahn gehe, seien die kleineren Tretroller überlegen.





Martina Hertel vom Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin glaubt ebenfalls nicht an eine Tretroller-Revolution zu Ungunsten des Mietrades. "Den verkehrlichen Nutzen würde ich in diesen Tagen noch als gering einschätzen", sagt sie. Die Scooter seien in einem ganz anderen Marktsegment unterwegs: "Das beschränkt sich auf kurze Strecken, die man in einer Viertelstunde zurücklegen kann. Auf dieser Distanz könnten sie den Leihrädern Nutzer abknipsen."

Auch Hertel hält die Roller für Spaß-Geräte: "Studien – wenn auch nicht wissenschaftliche – zeigen, dass das touristische Eventverkehre sind." Auch die Preisgestaltung macht die Tretroller eher unattraktiv im Alltag. Während man bei Mieträdern mit zwei Euro pro Stunde dabei sei, könne ein E-Scooter neun bis zehn Euro kosten. (bme)