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EDV-Experten warnen vor IT-Desaster im Gesundheitswesen

IT-Chefs deutscher Krankenhäuser warnen vor einer Art "Toll-Collect-Desaster" im Gesundheitswesen. Bei einer Tagung der Arbeitsgruppe Archivierung von Krankenunterlagen (AKU) der Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemologie (gmds) wurde auf die vielen blinden Flecken in der Architektur für die Einführung der Elektronischen Gesundheitskarte hingewiesen. Die Karten sollen laut dem Gesundheitsmodernisierungsgesetz am 1. Januar 2006 ausgegeben werden.

Die Zeitplanung des Projektes sei bereits jetzt aus dem Ruder gelaufen, die eigentlich geplanten Pilotversuche wurden bereits verschoben, warnten die Experten aus verschiedenen deutschen Krankenhäusern. Ein Unternehmenskonsortium mit IBM, SAP und weiteren Firmen hatte zur CeBIT die 1500 Seiten umfassende Rahmenarchitektur bit4health vorgelegt. Allerdings räumte Annette Kirchner vom Konsortialpartner IBM ein, dass die Rahmenarchitektur erst einmal ein Stück Papier sei. Mit drei Stadien der so genannten Solutions Outline sollen entsprechende Prozessketten abgebildet werden, darunter beispielsweise Datenschutz und die Krankenhaus-IT. Endgültig muss eine Lösungsarchitektur geschaffen werden, in die die verschiedenen Teilbereiche Kundendatenmanagement, Verordnungsmanagement, Behandlungsmanagement und das Kartenmanagement integriert werden.

Der Termin Januar 2006 ist angesichts der Komplexität nach Ansicht der in Tübingen versammelten Experten nicht einzuhalten. Helmut Schlegel, IT-Chef des Klinikums in Nürnberg und Mitglied des Verbandes KH-IT sagte, es handle sich wohl eher um einen politischen denn einen praktikablen Termin. Der Verband, bei dem Schlegel auch in der Arbeitsgruppe eGK mitarbeitet, hat in drei Stellungnahmen im Frühjahr bemängelt, dass entscheidende Fragen in den Bereichen Rechtssicherheit, Datenschutz und Vertrauen der Bevölkerung, Integration und Offenheit der Systeme nicht beantwortet wurden.

Prof. Dr. Paul Schmücker, Mannheimer Professors für Medizinische Informatik, erklärte: "Es ist zum Beispiel bis jetzt völlig unklar, ob bit4health eine reine Kartenlösung sein soll oder eine serverbasierte Lösung." Daran schließt sich eine ganze Reihe von Fragen an: Wenn die Daten auf der Karte sind, wie rechtsverbindlich sind sie dann? Was geschieht, wenn die Karte verloren geht? Bei der Abhängigkeit von großen Serverfarmen stehen Fragen nach Ausfallsicherheit und Regelung der Zugriffsrechte im Vordergrund. Auch mit den Trustcentern für Signaturen müssen die Kliniken dann zusammenarbeiten. Und schließlich dürfen die Patienten nicht ganz vergessen werden. Die Abwicklung ihrer Widersprüche gegen den Zugriff auf bestimmte Daten muss organisiert werden.

Das vielleicht größte Problem sehen die Krankenhaus-ITler allerdings darin, das die schöne Rahmenarchitektur den Alltag in den Krankenhäusern kaum berücksichtige. Von einer einheitlichen elektronischen Patientenakte ist die Praxis noch weit entfernt. "Wir haben gerade ein kleineres Krankenhaus mit 60 Betten in Rottenburg übernommen," sagte Volkmar Eder von der Uni Tübingen. "Dort wird noch komplett auf Papier gearbeitet. Es gibt keinerlei elektronischen Datenaustausch." Eder sagte, der erste Schritt sei der Aufbau von Basistechniken in allen Häusern. Wo am Ende die versprochenen 5 Milliarden Euro eingespart werden -- diese Hoffnung verbindet die Politik mit dem System --, ist angesichts dieser Situation auch noch nicht klar. "Für mich kostet es erst einmal Geld, Software und Kartenlesegeräte anzuschaffen", sagte einer der anwesenden niedergelassenen Ärzte. Die versprochenen Anreizsysteme, so befürchtet er, würden wohl eher Strafen für diejenigen sein, die nicht mit machen wollten.

Siehe zum Thema auch:

(Monika Ermert) / (Monika Ermert) / (jk)

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