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EU-Studie zu "Fake News": Plattformen sollen Algorithmen offenlegen

Eine Expertengruppe der EU-Kommission empfiehlt, im Kampf gegen Desinformationen im Netz die Transparenz im digitalen Nachrichten-Ökosystem deutlich zu erhöhen. Kritiker bemängeln, dass Clickbaiting nicht angegangen wird.

EU-Studie zu "Fake News": Plattformen sollen Algorithmen offenlegen

Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten wird öfters im Zusammenhang mit der Verbreitung von "Fake News" gesehen.

(Bild: whitehouse.gov)

Eine Expertengruppe hat der EU-Kommission Vorschläge unterbreitet, wie die Politik dem spätestens nach dem Votum der Briten für den Austritt aus der EU und der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten weithin diskutierten Phänomen von Falschmeldungen im Internet besser begegnen könnte. In einer Studie machen die Sachverständigen klar, dass sie den Begriff "Fake News" für unzureichend halten für die weitere Debatte. Sie sprechen lieber von "Desinformation" und damit von einem komplexen Problemfeld, auf dem auch erfundene Informationen und Fakten zu einem gefährlichen Gemisch zusammengefügt werden.

Falsche, ungenaue oder irreführende Nachrichten werden laut der Studie verbreitet, um Gewinne zu erzielen oder bewusst öffentlichen Schaden anzurichten. Die Akteure reichten dabei von geldhungrigen Produzenten bis zu Vertretern von Staaten. Dies könne demokratische Prozesse und Werte gefährden und gezielt zahlreiche Sektoren wie Wissenschaft, Bildung, Gesundheit oder Finanzen betreffen, warnen die Experten. Daher sei es wichtig, auf der Suche nach Gegenmaßnahmen einen möglichst breiten Kreis an Interessenträgern einzubeziehen und zunächst auf die Selbstregulierung der Internet- und Medienwirtschaft zu setzen.

Die Expertengruppe, der unter anderem Vertreter der ARD, Bertelsmann, Facebook, Google, Mozilla, RTL, Wikimedia oder von Universitäten angehören, plädiert vor allem dafür, die Transparenz im digitalen Informationsökosystem deutlich zu vergrößern. Online-Plattformen und insbesondere soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter sollten ihrer Ansicht nach relevante Informationen über die Funktion von Algorithmen verfügbar machen, mit denen sie Beiträge auswählen und anzeigen. Dabei dürften Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse keine Hürden sein.

Jedes Portal habe zwar eine einzigartige Art im Umgang mit der Präsentation von Informationen entwickelt. Nutzer könnten aber besser verstehen, warum ihnen welche Nachricht angezeigt wird, wenn sie mehr über die Funktionsweise der Algorithmen lernen könnten. Redaktionen helfe ein solches Wissen zudem, ihre Dienste besser zu vermarkten. Entscheidend sei die Transparenz der Programmroutinen vor allem, um die Integrität des Informationsflusses während Wahlkämpfen zu prüfen, wofür Datenmaterial benötigt werde. Am besten wäre es daher, die Betreiber zu verpflichten, ihre APIs zu öffnen. So könnten Dritte die verwendeten Daten sowie die Auswirkungen sichten. Twitter habe derlei bereits in die Wege geleitet.

Die Experten fordern Plattformbetreiber auf, ihre Informationsbestände für unabhängige Untersuchungen, Audits und Forschungsaktivitäten stärker zu öffnen. Nur so könne die Authentizität von Informationsquellen und "besser informierten europäischen Bürgern" sichergestellt werden. Unabhängige Medien, Faktenchecker und Nachrichtenprüfer sollten – möglichst in Kooperation mit Online-Portalen – Technik entwickeln, um etwa soziale Strömungen auszumachen sowie "Bilder und Videos in großen Mengen und rasch analysieren" zu können. Nur so sei es möglich, Desinformationen schnell entgegenzutreten und die Hintermänner öffentlich zu machen.

Nachrichtenmedien, IT-Firmen, Forscher und zivilgesellschaftliche Organisationen sollten auch Standards für universell einsetzbare und maschinenlesbare Signale einsetzen, die es Nutzern leichter machen, glaubwürdige Inhalte zu erkennen. Technik allein könne soziale und politische Probleme aber nicht lösen.

Die Experten empfehlen zudem, die Medienkompetenz zu fördern sowie die Vielfalt und Nachhaltigkeit der europäischen Nachrichtenmedien zu bewahren. Der europäische Dachverband der Verbraucherschutzorganisationen Beuc stimmte als einzige der beteiligten Organisationen gegen den Bericht mit der Begründung, dass Desinformation vor allem an der Quelle bekämpft werden müsse.

Laut einer aktuellen Eurobarometer-Umfrage gibt es in der EU gefühlt sehr viele "Fake News". 83 Prozent der Befragten gaben an, dass dies eine Gefahr für die Demokratie darstelle. Zugleich empfinden die Teilnehmer die herkömmlichen Medien als die vertrauenswürdigste Nachrichtenquelle, wobei das Radio mit 70 Prozent auf den höchsten Wert kommt gefolgt vom Fernsehen mit 66 und den Printmedien mit 63 Zuspruch. Als am wenigsten verlässlich gelten Nachrichten- und Videoportale im Internet, die nur von 26 beziehungsweise 27 Prozent als vertrauenswürdig eingestuft werden. (Stefan Krempl) / (anw)

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