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Eco-Kongress: Heftiger Streit um LTE

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Kann der UMTS-Nachfolger Long Term Evolution (LTE) beim Schließen der Breitband-Lücken in Deutschland helfen? Auf dem Kongress des Verbands der deutschen Internetwirtschaft (eco) wurde am Dienstag und Mittwoch in Köln über diese Frage heftig gestritten. Nachdem die Bundesregierung der lange erhobenen Forderung nach Verteilung der Digitalen Dividende nachgekommen ist, hadern viele Branchenteilnehmer nun mit dem Preis. Das von der Bundesregierung genannte Ziel der vollständigen Breitband-Abdeckung Ende 2010 wurde von den anwesenden Branchenvertretern abwechselnd als "sehr ambitioniert" oder "illusorisch" beurteilt.

Kurz vor der Bekanntgabe der Bedingungen der großen Frequenz-Auktion der Bundesnetzagentur im kommenden Jahr schlagen die Wellen hoch: So forderte E-Plus-Manager Bernd Sörries erneut die E-Netz-Betreiber bei der Zuteilung neuer Frequenzen zu bevorzugen, um die aus Sicht des Unternehmens ungerechte Verteilung der GSM-Frequenzen auszugleichen. In die von der Bundesnetzagentur bereits bekannt gegebenen Grundsätze hat Sörries kein Vertrauen: "Die vom Regulierer geplante Kappung der Frequenzen funktioniert nicht. Die marktbestimmenden Unternehmen werden weiter bevorzugt".

Im Gegensatz zu Frankreich und Belgien, wo die Regulierer die Ansiedlung eines vierten Mobilfunkbetriebers förderten, habe die Bundesnetzagentur lediglich die Maximierung der Auktionserlöse im Blick – ähnlich der UMTS-Auktion im Jahr 2000. "Das Ergebnis eines solchen Bieterwettbewerbes könnte sein, dass ein Anbieter überhaupt keine Frequenzen zugeteilt bekommt", erklärte Sörries. Sollte E-Plus wie gefordert günstige Frequenzen zugeteilt bekommen, benötige das Unternehmen keine staatlichen Subventionen, um die Breitband-Abdeckung voranzutreiben. Bis Ende des kommenden Jahres werde dies aber nicht funktionieren.

Dass LTE überhaupt zur Überbrückung der letzten Meile in ländlichen Gebieten taugt, bestritt Bernd Schröder vom Beratungsunternehmen Brown-iposs, da je nach verwendeter Technik entweder die Indoor-Abdeckung oder die Reichweite mangelhaft sei. "Eine flächendeckende Versorgung auf Basis von LTE wird nicht klappen. Die Technik ist nur für den Mobilfunk geeignet." Da zudem derzeit keine Endgeräte zur Verfügung stehen, helfe die Technik nicht, das ehrgeizige Ziel der Bundesregierung zu erreichen. Ins gleiche Horn stieß eco-Vorstand Klaus Landefeld: "Wir begrüßen ein bundesweites Datennetz für mobile Anwendungen – aber es löst nicht das Problem der Breitband-Versorgung."

Um die Nutzung der LTE-Frequenzen im ländlichen Raum wirtschaftlich sinnvoll zu machen, plädierte Sörries für einen Patchwork-Ansatz ähnlich der Lösung, die Vodafone-Manager Josef Schäfers in Köln für das deutsche Glasfaser-Netz vorgestellt hatte: In den unversorgten Gebieten solle ein Anbieter sämtliche verfügbaren Frequenzen im Paket zugeteilt bekommen, um eine wirtschaftliche Infrastruktur aufbauen zu können. Andere Wettbewerbsteilnehmer könnten auf dieser Infrastruktur aufbauen. Eine Roaming-Lösung komme allerdings nicht in Frage, da hier der Infrastruktur-Anbieter den Fremdkunden automatisch die gleiche Leistung bieten müsse wie seinen eigenen Kunden.

Roland Brugger vom Institut für Rundfunktechnik sieht bei der LTE-Einführung große technische Probleme: "Die Zuteilung der Frequenzen erfolgte völlig verfrüht. Das Ergebnis werden regulatorisch und rechtlich unsichere Verhältnisse sein." So sei die Stör-Wirkung der LTE-Nutzung in Deutschland noch nicht ausreichend erforscht, eine Studie des Heinrich-Hertz-Instituts, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums erstellt worden sei, sei zu wenig detailliert. Die Ergebnisse ausgiebigerer Untersuchungen der European Conference of Postal and Telecommunications Administrations (CEPT) und des Electronic Communications Committee könnten erst nächstes Jahr vorgelegt werden. Nach der Simulationen eines LTE-Netzes in München rechnet Schröder mit starken Störungen des DVB-T-Empfangs rund um die Sendemasten.

Angesichts der vielen Skeptiker fiel der dänische Mobilfunk-Berater John Strand aus dem Rahmen: Er sieht im Gegensatz zu den bisherigen Marktteilnehmern eine rosige Zukunft des UMTS-Nachfolgers in Deutschland: "LTE wird DSL auf der letzten Meile ablösen", erklärte Strand optimistisch. Dank der Freigabe der GSM-Frequenzen für LTE durch die EU müssten Gerätehersteller und Netzbetreiber auch nicht auf die Zuteilung neuer Frequenzen warten. Dabei verwies Strand auf funktionierende LTE-Installationen in Innsbruck und in anderen Ländern. Heftigen Widerspruch erntete Strand zum Beispiel von Medienrechtler Professor Bernd Holznagel von der Universität Münster, der die mangelnde Kapazität von LTE anführte, die mit dem Bandbreiten-Bedarf der Haushalte nicht Schritt halten könne. "Mobilfunk wird hier überschätzt. Die Technik eignet sich höchstens als Übergangslösung." (Torsten Kleinz) / (vbr)