Edit Policy: Drosselungen in der Pandemie – Hält das Internet?

Ist die Netflix-Drosselung blinder Aktionismus?

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Handelt es sich bei der Ankündigung von Netflix, auf Aufforderung der EU-Kommission seine Bitrate zu reduzieren, also bloß um sinnlosen Aktionismus? Vielleicht nicht ganz: Richtig ist, Netflix passt bereits seit langem seine Übertragungsqualität auf die Netzauslastung an. Wenn die eigene Internetverbindung schwächelt, bricht der Netflix-Stream normalerweise nicht vollständig ab, sondern läuft mit geringerer Bildqualität weiter.

Um zu vermeiden, dass die Videostreams um die ganze Welt geroutet werden müssen und so die großen internationalen Netzwerkknotenpunkte belasten, bietet Netflix auch heute schon als Teil seines Programms Open Connect den Internetzugangsanbietern an, lokale Cache-Server zu betreiben, auf denen die populärsten Videos direkt im Netz des jeweiligen Telekommunikationsanbieters verfügbar gemacht werden. Neben diesen Cache-Servern enthält Netflix Open Connect ein Angebot zum Peering, also einem kostenfreien Austausch von Daten zwischen den Netzen verschiedener Infrastruktureigentümer. So können laufend neue Netflix-Inhalte auf die lokalen Cache-Server übertragen werden.

Es kann also durchaus der Eindruck entstehen, dass EU-Kommissar Thierry Breton mit der Netflix-Drosselung ein Problem gelöst hat, das gar nicht existierte. Breton kultiviert damit sein Image als Industriekenner, der die Chefs großer Technologiekonzerne auf Speed Dial hat. In diesem Licht gefällt sich Breton offensichtlich, Facebook-Chef Zuckerberg bezeichnet er in Interviews liebevoll als "Mark". Die US-amerikanischen Plattformanbieter bekommen im Gegenzug statt ständiger Schelte aus Brüssel lang ersehnte positive Presse, weil sie in der Krise schnell und unkompliziert mit den Behörden kooperieren.

Die ganze Wahrheit ist das aber wohl nicht. Fredy Künzler, der CEO des kleinen schweizerischen Internetzugangsanbieters init7, berichtet auf Twitter, wie Netflix seinen Geschäftspartnern die neuen Maßnahmen in einer Videokonferenz erklärt hat. Demnach ist die EU-Kommission aktiv geworden, weil einige Telekommunikationsanbieter, insbesondere in Italien und Spanien, nicht gut genug an übergeordnete Netzwerke angebunden sind.

Die Chance, frühzeitig in ausreichend lokale Cache-Server zu investieren, haben diese Anbieter offensichtlich versäumt. Netflix sieht keine Möglichkeit, in der aktuellen Krisensituation zeitnah lokale Cache-Server nachzurüsten. Das Problem könnte auch dadurch verstärkt werden, dass manche Provider das Peering verweigern. Da Netflix jetzt zügig auf die Engpässe in Italien und Spanien reagieren musste, war es technisch einfacher, die Bitrate kurzerhand für ganz Europa zu reduzieren, auch wenn die meisten Internetprovider durchaus gut auf die gestiegene Nachfrage vorbereitet sind.

Dass EU-Kommissar Thierry Breton, selbst ehemaliger CEO des einstigen staatlichen Telekommunikationsanbieters France Télécom (heute Orange), ein besonders offenes Ohr für die Probleme etablierter europäischer Telekom-Riesen hat, ist durchaus plausibel. Die neuen Maßnahmen der Streamingdienste können hier zwar unmittelbar Abhilfe schaffen, treffen aber letztlich auch die Kund*innen der Provider, die bereits frühzeitig in ihre Infrastruktur investiert haben. Es bleibt zu befürchten, dass so kaum Anreize für Verbesserungen bei der Infrastruktur der italienischen und spanischen Telkos geschaffen werden und zusätzlich der falsche Eindruck entsteht, das Problem ginge von den Streamingdiensten aus, die eigentlich durchaus gut auf die jetzige Situation vorbereitet waren.

Glücklicherweise haben die meisten Streamingdienste verhältnismäßig reagiert und lediglich die voreingestellte Übertragungsqualität angepasst. Für die meisten Anwendungsfälle, insbesondere das Streaming auf dem Laptop oder Handy, reicht diese reduzierte Qualität durchaus aus. Wer aber auf einen hochauflösenden Bildschirm oder Fernseher streamt, kann zumindest bei Twitch und YouTube wieder manuell auf die gewohnte Qualität umstellen. Dieses Vorgehen der Streamingdienste ist auch aus Perspektive der Energiesparsamkeit durchaus zu begrüßen.

Für die Endnutzer*innen lautet die gute Nachricht, dass sie ihr eigenes Nutzungsverhalten derzeit nicht anpassen müssen. Die EU-Kommission und das europäische Telekom-Regulierungsgremium BEREC bitten zwar in einer gemeinsamen Stellungnahme darum, überflüssige Breitbandanwendungen zu vermeiden, rechnet aber nicht mit einer Überlastung der Netze. Videokonferenzen, Online-Games und Streaming sind derweil natürlich alles andere als überflüssig, sorgen sie doch dafür, dass wir auch in häuslicher Isolierung arbeitsfähig bleiben und die Nerven bewahren. Bei BEREC laufen derweil die Berichte der nationalen Regulierungsbehörden zusammen, damit mögliche zukünftige Engpässe schnell erkannt werden können.

Bei so vielen Aspekten der Krise kommt es aktuell auf das Verantwortungsbewusstsein der Einzelnen an, wenn es darum geht, die Pandemie einzudämmen, besonders gefährdete Menschen zu schützen und viele gesellschaftliche Aufgaben wie die Kinderbetreuung selbst zu übernehmen. Da ist es durchaus beruhigend, dass wir uns um die Verfügbarkeit des Internets keine Sorgen machen müssen.

Die Texte der Kolumne "Edit Policy" stehen unter der Lizenz CC BY 4.0. (mho)