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Edward Snowden: Ich würde es wieder tun

Müsste er alles noch einmal durchstehen, würde Edward Snowden erneut zum Whistleblower. Allerdings würde er es dann frühzeitiger tun wollen. Das bekannte er in einer Gesprächsrunde mit Glenn Greenwald und Noam Chomsky.

Edward Snowden

Edward Snowden möchte, dass sich die Diskussion um die aufgedeckten Fakten dreht, nicht um seine Person.

(Bild: Freedom of the Press Foundation CC-BY 4.0)

Edward Snowden bereut es nicht, Geheimnisse der US-Regierung und ihrer Verbündeten verraten zu haben. Trotz aller folgenden Widrigkeiten würde er es wieder tun. "Absolut. Und ich würde nicht so lange damit warten, wie ich es getan habe", sagte er am Abend des Karfreitag bei einer Gesprächsrunde mit dem Journalisten Glenn Greenwald und dem emeritierten Linguisten Noam Chomsky.

Die drei Männer erörterten auf Einladung der Universität Arizona die Bedeutung der Privatsphäre. Snowden war per Videolink aus dem russischen Exil dabei. "Wenn wir eine Demokratie haben sollen, wenn wir Bürger Partner und nicht bloß Untertanen sein sollen, müssen wir zumindest [eine grobe Vorstellung] von den Rechten und Privilegien der Regierung haben", führte der Amerikaner aus. "Wir müssen wissen, was sie in unserem Namen macht, und was sie gegen uns macht. Sonst wird [die Regierung] nicht mehr von der Öffentlichkeit gelenkt, sondern wir werden von oben regiert."

Auch Greenwald würde Snowdens Material wieder verbreiten wollen. Wichtiger als die Dokumente und ihr Inhalt sei aber die Lehre, die aus Snowdens Entscheidung zu ziehen sei: "Egal, wie sehr man ohne Privilegien, Position und Macht ist, egal, wie unbedeutend man zu sein glaubt, wie machtlos man sich gegenüber Ungerechtigkeit fühlt, verfügen alle Individuen in sich selbst über die Kraft, sogar den stärksten Institutionen entgegenzutreten."

Greenwald hofft auf eine Vorbildfunktion Snowdens: "So wie Snowden von Leuten wie Daniel Ellsberg, Chelsea Manning und Thomas Drake inspiriert war, werden viele Leute von Edward Snowden inspiriert sein, und Dinge aufdecken, nie niemals hätten versteckt werden dürfen."

Im Laufe des Gesprächs wurde das oft gehörte Argument auseinandergenommen, wer nichts zu verbergen habe, brauche auch keine Privatsphäre. "Privatsphäre ist das Recht auf freies Denken. Sie erlaubt uns, unsere Überzeugungen zu formen, ohne von anderen beeinflusst zu werden. [...] Die Freiheit der Meinungsäußerung hat keine Bedeutung, wenn Sie nicht den Raum, die Zeit, die Freiheit haben, herauszubilden, was Sie sagen wollen", erläuterte Snowden.

"Wenn Sie argumentieren, dass Sie keine Privatsphäre brauchen, weil Sie nichts zu verbergen haben, ist das so, als würden Sie sagen, dass Sie keine Freiheit der Meinungsäußerung brauchen, weil Sie nichts zu sagen haben", so Snowden weiter: Rechte wirkten nicht bloß für den Einzeln, sondern auch für das Kollektiv. "Wenn wir an die freie Presse denken: Wir sind nicht alle Journalisten. Aber wir profitieren davon."

Nuala O’Connor vom Center for Democracy and Technology leitete das Gespräch.

(Bild: Screenshot)

Rechte würden von jenen gebraucht, die verletzlich, anders, benachteiligt oder ihrer Zeit voraus seien, nicht von den an der Macht Beteiligten. "Rechte existieren nicht für die Mehrheit. Rechte existieren für die Minderheit, um sie gegen die Mehrheit zu schützen." Und: "Zu sagen, dass man keinen Wert auf ein Recht legt, weil man es gerade nicht braucht und auch in Zukunft nicht zu brauchen gedenkt, ist wohl das Antisozialste, das ich mir vorstellen kann."

Greenwald erklärte die Massenüberwachung für ungeeignet, um damit gegen Terrorismus vorzugehen. Die US-Geheimdienste sammelten alles über Alle. In dem Datenberg könnten sie unmöglich die entscheidenden Hinweise auf geplante Terroranschläge finden. Also müsste die enorme Überwachung anderen Zwecken dienen.

Chomsky hält schon den grundsätzlichen Ansatz des Kampfes gegen den Terrorismus für verfehlt. "Es gibt viele Leute, die ununterbrochen unter der Gefahr des Terrors leiden. Wenn Sie diese finden wollen, gehen Sie in den Jemen oder nach Nordwasiristan. Sie haben konstant die Angst, dass in fünf Minuten der Typ auf der anderen Straßenseite weggeblasen wird, und mit ihm alles herum. Das ist massiver globaler Terrorismus. Und das hat Auswirkungen."

Ein paar dieser Auswirkungen würden nun im Westen sichtbar. "Was in Brüssel passiert ist, war ein monströser terroristischer Akt. Aber es zahlt sich aus, die Begründung anzusehen, die dafür gegeben wurde. […] Der IS hat im Wesentlichen gesagt: 'Solange Ihr uns bombardiert, werden wir antworten, indem wir Euch attackieren.' Da ist was dran", meinte Chomsky.

Noam Chomsky ist emeritierter Professor für Linguistik des MIT.

(Bild: Screenshot)

Der Westen reagiere genau so, wie sich Al Kaida und der IS das wünschten: "Sie sind sehr deutlich: 'Zerstört Eure eigenen Gesellschaften. Zerstört Eure eigenen Freiheiten. Und zieht in den Krieg mit der muslimischen Welt.' Das ist deren Skript. Wir können das annehmen, wenn wir wollen. Wir haben das die letzten 15 Jahre getan", bedauerte der amerikanische Intellektuelle.

"Jedes Mal, wenn wir [den Terrorismus] mit dem Vorschlaghammer treffen, expandiert er", beschrieb Chomsky das Problem, "Zu den Wurzeln und Ursachen des Terrorismus vorzudringen und sie zu beseitigen, ist nicht dramatisch und aufregend, aber es würde funktionieren. Und es gibt viel Forschung darüber, warum sich Leute dem Terrorismus zuwenden. […] Junge Menschen haben mit Erniedrigung und Demütigung, ohne Hoffnung gelebt. Sie wollten etwas Würde, etwas Hoffnung, etwas Aufregendes, etwas, worauf sie sich freuen können. In ihrer Gesellschaft haben sie das nicht gefunden. Die Meisten hatten sehr wenig mit dem Islam zu tun. [Der Terrorismus] hat ihnen ein Anliegen gegeben." (ds)

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