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Edward Snowdens Biografie: "Sorry, aber es musste sein"

In seinem Buch erzählt der NSA-Whistleblower seine Geschichte. Während der autobiografische Teil nicht viel Neues enthält, sind seine Warnungen weiter aktuell.

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Bald wird Edward Snowden so lange im russischen Exil leben wie er als IT-Experte für die CIA und NSA gearbeitet hat: sieben Jahre. Exil, so kann man seiner Autobiografie entnehmen, war beim jungen internetbegeisterten Snowden ein Wort für die Zeit, wenn er ungewollt offline war, etwa wenn das WLAN nicht funktionierte. Im wahren Exil – abhängig von der Aufenthaltsgenehmigung der russischen Regierung und auf der Suche nach einem europäischen Land, das ihm politisches Asyl gewährt – hat Edward Snowden nun sein erstes Buch geschrieben.

NSA-Skandal

Die NSA, der britische GCHQ und andere westliche Geheimdienste greifen in großem Umfang internationale Kommunikation ab, spionieren Unternehmen sowie staatliche Stellen aus und verpflichten Dienstleister im Geheimen zur Kooperation. Einzelheiten dazu hat Edward Snowden enthüllt.

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Geholfen hat ihm Joshua Cohen, dessen zuletzt erschienenes "Buch der Zahlen" eine Art Misch-Autobiografie von Sergey Brin, Jeff Bezos und Mark Zuckerberg war. Das ist insofern bedeutsam, als Snowden abseits der reinen Autobiografie da einsetzt, wo Cohen munter drauflos fabulierte: das Datennetz, das Google, die Amazon-Cloud und Facebook bereitstellen, ist ein Überwachungssystem eigener Art, das die enormen Möglichkeiten der NSA um ein Vielfaches übersteigt und den Menschen verändert.

Snowden warnt mit seinem Buch vor dem "Überwachungskapitalismus" der für den Tod des freien Internet und des kreativen World Wide Web verantwortlich sein soll, das er in seiner Jugend kennenlernte. Das Anliegen, um das es ihm geht, ist die Verteidigung der "Freiheit, die wir Privatsphäre nennen", das Recht auf Anonymität, Datenverschlüsselung und Nicht-Identifizierbarkeit.

Bei seinem Warnruf duzt Snowden den Leser und heizt ihm ordentlich ein. Wer etwa während der Lektüre des Buches eine Suchmaschine nach dem Programm XKEYSCORE befragt, dessen Existenz durch Snowden bekannt wurde, ist schon verdächtig: "Herzlichen Glückwunsch. Du bist jetzt im System, ein Opfer Deiner eigenen Neugier. Doch selbst wenn Du nichts Online gesucht hast, wäre es für eine interessierte Regierung eine Kleinigkeit herauszufinden, dass Du dieses Buch liest. /../ Wenn Du dies hier – diesen Satz – gerade auf irgendeinem modernen elektronischen Gerät, etwa auf einem Smartphone oder Tablet liest, dann können die Geheimdienste Dir folgen und Dich lesen," schreibt Snowden.

Alle diese Daten würden "auf Ewigkeit gespeichert", als Permanent Record. "Das ist das Ergebnis aus zwei Jahrzehnten unkontrollierter Innovation, das Endprodukt einer Politiker- und Unternehmerschicht, die davon träumt, Dich zu beherrschen. Egal wo, egal wann und egal, was Du tust. Dein Leben ist zu einem offenen Buch geworden."

Soweit der Warnruf. Dass es auch anders geht, beschreibt Snowden mit kleinen Erzählungen über die Electronic Free Frontier Foundation (EFF) oder dem Programm Secure Drop, das zum Beispiel hinter dem heise Tippgeber steht. Europas DSGVO bekommt Lob von Snowden, weil sie dem Bürger Instrumente zu Hand gibt, Widerstand zu leisten.

Der autobiografische Teil des Buches fällt dann aber ab, was daran liegt, dass viele Details bereits durch Bücher wie "Der NSA-Komplex" (Macel Rosenbach & Holger Stark), "Die globale Überwachung" (Glenn Greenwald), "The Snowden Files" (Luke Harding) bekannt gemacht wurden. So bleiben auch Details seiner Arbeit bei CIA und NSA im Vagen. Was der "Computerfreak in den Schaltzentralen der Macht" machte, wird nicht erklärt.

Als 26-jähriger Nerd mit einer Tarn-Beschäftigung bei Dell scheint Snowden schon bei der CIA einflussreich gewesen zu sein. "Ich saß mit den Chefs der CIA-Technikabteilungen zusammen, um ihnen die Lösung für jedes erdenkliche Problem zu präsentieren und schmackhaft zu machen." Schließlich arbeitete er bei der NSA auf Hawaii als Systemadministrator "im Paradies", mit unbeschränktem Admin-Zugriff auf alle möglichen Daten.

Hier wurde ihm erst das ganze Ausmaß der gesamten Überwachungsmaschinerie bewusst und er begann, geheime Dokumente zu sammeln. Seine allmähliche Konversion zum Whistleblower beschreibt Snowden in dem Buch mit einer maritimen Metapher: er pfeift und das Schiff erhält das Signal zur Rückkehr in den Hafen, um die Lecks zu dichten, im Fall der NSA also die umfangreiche Datensammlung abzustellen.

Zwei Ereignisse waren es nach seiner Darstellung, die einer internen Meldung innerhalb des Regierungssystems zuwiderliefen. Im Jahre 2012 berichtete der Journalist James Bamford vom Bau eines riesigen Rechenzentrums der NSA in Bluffdale zur Speicherung von Massendaten. Wozu ein Geheimdienst solch ein System braucht, das Orwell in der Realität überholt, wurde in der US-amerikanischen Öffentlichkeit nicht nachgefragt. Es folgte im Jahre 2013 ein Auftritt des CIA-Technikchefs Ira Hunt bei einer GigaOM-Konferenz über Datenspeicherung, auf der dieser erklärte: "Es liegt nahezu in unserer Reichweite, *alle* von Menschen erzeugten Informationen zu erfassen." Auch hier blieb die Entrüstung aus, nur wenige Fachmedien berichteten.

Deshalb fasste Snowden den Entschluss, sich als Whistleblower an Journalisten zu wenden, die mit seinen Dateien, von ihnen überprüft, die Weltöffentlichkeit unterrichten sollten. Er wählte den Handle "Verax" (der die Wahrheit sagt) im Gegensatz zu einem Hacker namens "Mendax" (der Lügen spricht) und kontaktierte die Dokumentarfilmerin Laura Poitras. Viel später erfuhr Snowden, dass Mendax das Handle des jungen Julian Assange war.

In seinem Buch gibt es eine lebendig geschriebene Version, was im Privaten passierte, als die Weltöffentlichkeit im Juni 2013 von den Snowden-Enthüllungen erfuhr. In Kapitel 28 findet sich das Tagebuch von Snowdens Freundin Lindsay Mills. Zu ihrem Schutz hatte Snowden eisern über seine Pläne geschwiegen. Als er untertauchte und nach Hongkong reiste, um dort Journalisten zu treffen, war Mills völlig ahnungslos. Einzig der auf Snowdens Skype-Konto geänderte Status zu "Sorry, aber es musste sein" war ein Hinweis auf sein Abtauchen. Ihr Tagebuch dokumentiert die Gewalt, mit der FBI-Beamte, Polizei und IT-Spezialisten vorgingen, aber auch die Tricks, mit der sich Mills der Überwachung entzieht. Später flog sie nach Moskau, um bei ihrem Ed zu sein. Seit zwei Jahren sind Edward Snowden und Lindsay Mills verheiratet. Ihr ist das Buch gewidmet.

Edward Snowdens "Permanent Record. Meine Geschichte" erscheint im S. Fischer Verlag und kostet 22 Euro. (mho)