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Ein ganzes Dorf ist online

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In Deutschlands erstem Internet-Dorf, der knapp 300 Einwohner zählenden Hunsrück-Gemeinde Oberhambach im Landkreis Birkenfeld, sind praktisch alle Haushalte online. Die Computer mit Internet-Anschluss sollen die fehlenden Läden ersetzen und den Bewohnern einen Ausgleich dafür bieten, dass nur dreimal am Tag ein Bus fährt und nur donnerstags die rollende Sparkasse vorbeikommt. Aber das Nonplusultra ist der Online-Einkauf nach den ersten Test-Erfahrungen für die meisten Menschen dennoch nicht.

Weil es in dem schmucken kleinen Ort, in dem nur noch drei Landwirte Vieh halten, längst keinen einzigen Laden, keine Apotheke, keine Poststelle und keine Sparkasse mehr gibt, hatten Landesregierung und die örtliche Initiative BIR inform e.V. vor gut einem Jahr die Idee der umfassenden PC-Versorgung: Jeder Oberhambacher Haushalt erhielt probeweise einen von Sponsoren gespendeten Computer mit zunächst verbilligtem ISDN-Internet-Anschluss und monatlich 20 Freistunden. So sollten die Bürger auch Brötchen oder Wurst per Mausklick im benachbarten Birkenfeld bestellen und auf die gleiche Weise ihre Bankgeschäfte erledigen können.

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck gab damals den Startschuss und Wirtschaftsminister Hans-Artur Bauckhage packte selbst mit an, als die Computer ausgeladen wurden. Der wissenschaftlich begleitete Versuch soll zwar erst im Herbst endgültige Ergebnisse liefern, doch eines ist jetzt schon klar: Die Initiative hat zumindest das Interesse an der neuen Technik gefördert: "99 Prozent der Bürger haben nach Ablauf des Testjahres von dem Angebot Gebrauch gemacht, ihren testweise zur Verfügung gestellten Computer mit Drucker und Internet-Anschluss im Neuwert von einst 3500 Mark für 800 Mark zu kaufen", sagt Birkenfelds Verbandsbürgermeister Manfred Dreier (SPD).

Vom Schüler bis zur 74 Jahre alten "Computer-Oma" surfen und mailen die Menschen in Oberhambach so intensiv wie wohl kaum anderswo in der Republik. Während der Anlaufphase des Versuchs hatten 30 jugendliche PC-Scouts aus dem Dorf den Älteren Hilfestellung gegeben, die zum Teil sehr skeptisch waren. Dank des Internet, das sie bundesweit bekannt machte, haben die Oberhambacher nun völlig neue Bekanntschaften geschlossen: So ist am 27. April im Ortsgasthaus Glockenstube das erste Chat-Treffen von 25 Internet-Nutzern aus ganz Deutschland geplant.

Doch zum Einkaufen, für Behördengänge und Besorgungen war und ist den Oberhambachern das eigene Auto noch wichtiger als der eigene Computer: "Ich fahre weiter zum Einkaufen ins rund sechs Kilometer entfernte Birkenfeld", sagt eine Bauunternehmerin. Etwas verflogen ist auch die Anfangs-Euphorie der Oberhambacher beim Online-Einkauf. Die so bestellten Waren sind oft deutlich teurer und zudem wird noch ein Zuschlag von zwei Mark oder heute einem Euro für das Bringen verlangt, wie gleich mehrere Bürger bemängeln. "Ich hab's probiert, frische Brötchen zu bestellen, aber die kamen nicht wie gewünscht morgens um sieben Uhr, sondern mittags um halb zwei an", sagt Glockenturm-Wirtin Anke Bernett. (Udo Lorenz, dpa) / (anw)

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