Eine Stiftung für Mozilla und Zweifel an Netscape

AOL entlässt Webbrowser-Entwickler, sichert aber weitere Unterstützung für Netscape und Mozilla zu.

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Von
  • Jürgen Kuri

Aufregung herrschte unter den Fans der Websuite Mozilla, die auch die Grundlage für die Anwendungen von Netscape bildet: Der Online-Dienst AOL, der vor langer Zeit schon Netscape gekauft hatte, entließ insgesamt 50 Webbrowser-Entwickler. Nach anfänglichen Gerüchten, Netscape werde komplett eingestellt, sah sich AOL aber veranlasst, die Fortführung des traditionsreichen Browsers zu bekräftigen: Die Entlassungen machten lediglich zehn Prozent des Mitarbeiterstabs bei Netscape aus, hieß es.

Ob dies die Diskussionen um das Engagement von AOL bei Netscape beenden wird, sei dahingestellt: Nicht erst seit der Einigung zwischen AOL und Microsoft, die auch eine Lizenzierung der Internet-Explorer-Technik beinhaltete, und den finanziellen Schwierigkeiten von AOL Time Warner tauchen immer wieder Zweifel daran auf, dass AOL Netscape weiterführen und parallel dazu Mozilla als Basis für den Browser weiter unterstützen werde. Immerhin aber lässt AOL nun zwei Millionen US-Dollar springen, um die Mozilla Foundation zu gründen. Weitere 300.000 US-Dollar kommen von Lotus-Gründer Mitch Kapor, der auch Vorsitzender der Mozilla Foundation wird. Auch Red Hat und Sun, die ein gesteigertes Interesse daran haben dürften, dass plattformübergreifende, unabhängige Web-Anwendungen entwickelt werden, wollen das Projekt ebenfalls weiterhin unterstützen.

Die Stiftung soll die Weiterentwicklung und Verbreitung der Web-Anwendungen des Mozilla-Projekts und der dazugehörigen Techniken wie der Rendering-Engine Gecko sicherstellen und koordinieren. Die Mozilla Foundation soll dabei die Arbeit des nur recht locker organisierten Entwicklerteams von mozilla.org weiterführen und ausdehnen. Auch die meisten der Entwickler, die AOL gerade entlassen hat, werden wohl weiterhin ihre Beiträge zum Mozilla-Projekt leisten. Mitchell Baker, als Chefin von mozilla.org Chief Lizard Wrangler tituliert, meinte, man habe schon lange das Ziel verfolgt, eine unabhängige Organisation zu gründen, "sodass wir weiterhin führend und innovativ sein können". Baker wird künftig auch Präsidentin der Mozilla Foundation sein. Die Aufgaben, die bislang von Beschäftigten und Zuarbeitern bei mozilla.org wahrgenommen wurden, sollen von diesen unverändert weitergeführt werden. Mitchell Baker, Brendan Eich und Chris Blizzard, bislang bei mozilla.org angestellt, werden das Board of Directors der Mozilla Foundation bilden.

Die Mozilla-Entwickler hoffen offensichtlich auch, mit diesen Schritten etwaige Zweifel an der Zukunft des Projekts ausräumen zu können. Die Kritik an der Code-Qualität und die darauf folgende neue Roadmap mit der Ankündigung, Version 1.4 werde die letzte Ausgabe der einheitlichen, komplexen Web-Anwendungssuite, die Querelen um die Namensgebung von Mozilla Mail (Thunderbird) und Mozilla Browser (Firebird) sowie die ständige Unsicherheit, wie sich AOL weiter verhalten wird, taten dem Projekt nicht gerade gut. "Eine konkurrenzfähige, den Standards entsprechende Browser-Suite ist lebenswichtig, um Freiheit und Innovation im Internet sicherzustellen", bekräftige nun Kapor die Bedeutung des Projekts. Und Baker bedankt sich noch einmal bei AOL für die Unterstützung in den vergangenen Jahren -- man werde auch weiterhin mit dem Unternehmen zusammenarbeiten. (jk)