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Eingescannte Kunden und virtuelle Organe

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"Virtuelle und Erweiterte Realität“ ist das Thema einer Tagung, die zurzeit in Bonn stattfindet. Das Forschungsministerium und die beteiligten Unternehmen stellen zusammen 85 Millionen Mark bereit, um innerhalb der kommenden drei Jahre Produkte auf Basis dieser Zukunftstechniken zu entwickeln. In einem Wettbewerb wurden aus 173 Vorschlägen 15 Projekte ausgewählt, die die Bereiche Kommunikation, Service, Medizin und Edutainment abdecken.

Die Techmath AG aus Kaiserslautern koordiniert zum Beispiel das Projekt "Virtual Try-On“, sozusagen die virtuelle Umkleide für Klamottenläden. Der Kunde soll sich in Zukunft im Laden einscannen lassen und dann mit dem Verkäufer am Bildschirm eine virtuelle Anprobe durchführen können. Potentiell, so Dr. Rainer Trieb von Techmath, könnte der Kunde seinen 3D-Body-Scan auch dem Versender seines Vertrauens zur Verfügung stellen. Diese könnte dann endlich Klamotten, die nicht zwicken, in den Karton packen. Die Rücklaufquote von Katalogware liege heute bei über 50% und könne so reduziert werden.

Neun Partner bringen das nötige Wissen für das Projekt zusammen. Das Bekleidungsphysiologische Institut Hohenstein simuliert Grundschnitte für Kleidungsstücke und vermisst die Materialeigenschaften der verschiedenen Stoffe. Diese dienen dann als Input für die Kleidungssimulatoren der Universität Tübingen. Computergrafiker der Uni Bonn sorgen für eine realistische Optik der verschiedenen Stoffe, Techmath liefert die 3D-Scanner. Bekleidungshersteller wiederum füttern diese komplexe Simulation dann mit ihren Schnitten, und im Kaufhaus steht ein Computer, der auf einem Riesendisplay bewegte Bilder des Kunden in den virtuellen Anziehsachen zeigt.

Mit einem Projekt namens "TEREBES“ soll die Arbeit von Schweißern präziser und weniger gefährlich werden. Eine im Schweißschutzhelm montierte Kamera ist mit einem Rucksack-Computer gekoppelt, der die aufgenommenen Bilder in Echtzeit so aufbereitet, dass der Schweißer deutlich mehr erkennen kann als beim Blick durch den konventionellen Helm. Auf diese Weise lassen sich auch virtuelle Schweißschablonen in das Gesichtsfeld des Arbeiters einblenden.

Am Klinikum der TU München hat man beobachtet, dass viele Knie-Operationen heute nur diagostischen Zwecken dienen. Sie ließen sich also vermeiden, wenn es ein besseres Training für Ärzte gäbe. Eine robotergesteuerte Knie-Simulation zum Anfassen, in der sich verschiedene Krankheitszustände darstellen lassen, ist die Lösung der bayerischen Forscher. Bewegungsabläufe und Gelenkgeräusche aus dem Lautsprecher sollen das Ganze realistisch machen. Für die Zukunft kann sich Projektkoordinator Dr. Robert Riener auch die Modellierung komplizierterer Organe vorstellen. (Frank Fremerey)/ (cp)