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Einheitliches Smartphone-Ladegerät: Hersteller wollen Selbstverpflichtung nicht verlängern

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EU-Kommissar Antonio Tajani ist sauer: Er sei enttäuscht, dass die meisten Hersteller ihre Selbstverpflichtung zu einheitlichen Smartphone-Ladegeräten nicht verlängern wollen, lässt der italienische Politiker ausrichten. Sollten die Hersteller sich nicht einigen, müsse er eine gesetzliche Verpflichtung auf den Weg bringen.

Der EU-Standard sieht Ladegeräte mit Micro-USB-Stecker vor. Umwege über Adapter (wie bei Apple) sind erlaubt.

2009 hatten die wichtigsten Smartphone-Hersteller, darunter Apple, Samsung und Nokia, ein Memorandum of Understanding unterzeichnet. Sie verpflichteten sich, einen neuen Standard für Ladegeräte mit Micro-USB-Stecker zu unterstützen. Ende 2012 waren den Herstellern zufolge 90 Prozent der Ladegeräte zum Standard kompatibel. Ein klarer Erfolg. Doch am 31. Dezember 2012 lief das Memorandum aus. Seitdem drängt die EU-Kommission auf Verlängerung – bislang vergeblich.

Woran die Verlängerung scheitert, ist unklar. Der Kommission zufolge bezeichnen die Hersteller den aktuellen Standard als nicht ausreichend für "leistungsstärkere Smartphones". Was damit gemeint ist, verraten die EU-Beamten nicht.

Die Hersteller schweigen größtenteils, nur Huawei und Sony Mobile antworteten auf Anfragen von heise mobil. Sony: "Da das momentane Papier nicht mehr die aktuellen technischen Standards berücksichtigt, veranlassen wir eine Aktualisierung". Sony wollte nicht erläutern, welche Technik überholt sei. Huawei erklärte, das Unternehmen habe einer Verlängerung zugestimmt.

Schneller aufladen

Denkbar ist, dass einige Hersteller in Zukunft stärkere Netzteile beilegen wollen, um mit kürzeren Ladezeiten zu werben. Der EU-Standard sieht einen Ausgangsstrom von maximal 1,5 Ampere vor. Mit einem 2-Ampere-Netzteil könnten manche Smartphones etwas schneller aufgeladen werden. Bei Tablets sind 2-Ampere-Netzteile mit Micro-USB-Stecker schon üblich, Samsung liefert auch sein 5-Zoll-Smartphone Galaxy Note II mit einem solchen Netzteil aus.

Die Selbstverpflichtung und die damit verbundenen technischen Standards zu überarbeiten würde mehrere Monate dauern, vielleicht sogar ein Jahr. Ein Gesetzgebungsverfahren kostet noch mehr Zeit.

Im besten Fall führt das nicht zu spürbaren Nachteilen für die Nutzer: Mit den gängigen 2-Ampere-Netzteilen lassen sich auch Smartphones aufladen, die für den EU-Standard mit maximal 1,5 Ampere ausgelegt sind. Allerdings: Ohne Selbstverpflichtung steigt das Risiko, dass einzelne Hersteller sich vom Standard komplett verabschieden.

Ärgerlich für die Nutzer wäre es auch, wenn Hersteller auf ein eigenes Steckerformat wechseln. Proprietäre Stecker erlaubt das Memorandum, solange der Hersteller einen Adapter auf Micro-USB anbietet. So macht es Apple. Da der Adapter nicht beiliegt und relativ teuer ist (19 Euro bei Apple, etwas günstiger bei anderen Anbietern), widerspricht dieser Weg jedoch der Grundidee der EU.

Die EU hat es nicht geschafft, die Ladegeräte-Flut einzudämmen.

Nur ein Teilerfolg

Ein Ziel hat die EU-Kommission jedenfalls komplett verfehlt: Sie wollte, dass die Hersteller nach einer Anlaufphase ihren Smartphones keine Netzteile mehr beilegen. Dadurch sollten mehr als 50.000 Tonnen Elektroschrott pro Jahr vermieden werden, außerdem sollten die Smartphone-Preise dadurch sinken. "Einmal brauchen wir alle noch ein neues Handy mit Ladegerät, aber dann nie wieder", freute sich der damalige Kommissar Günter Verheugen zur Unterzeichnung des Memorandums vor knapp vier Jahren.

Doch bislang werden alle Smartphones mit Netzteil ausgeliefert. Festhalten lässt sich also: Die EU hat erreicht, dass die meisten Smartphones mit einem Standard-Netzteil geladen werden können. Die Flut überflüssiger Netzteile hat sie jedoch nicht eingedämmt. So kann nur von einem Teilerfolg die Rede sein – der nun hoffentlich nicht gefährdet wird.

Update 16:00 Uhr: In der ersten Fassung des Artikels stand, dass alle Smartphones mit einem 2-Ampere-Netzteil schneller laden würden. Doch es profitieren nur die Smartphones, deren Ladeelektronik und Akku mit dem höheren Strom etwas anfangen können. (cwo)