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Technology Review

Elektrobikes von Nebenan

In Europa tut sich die Elektromobilität schwer. In China boomt sie – allerdings ganz anders, als große Konzerne sich das vorstellen.

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Elektrobikes von Nebenan

Chris Riether und Nathan Siy mit ihrem selbst entwickelten Elektromotorrad "Evoke Urban S".

(Bild: Christoph Behrens / Christine Klein)

In den USA und in Europa mag Elektromobilität eine Spielerei für Reiche sein, für Internetunternehmer, die ihren Tesla in der Garage mit Solarstrom betanken. In China ist das anders. Rund 300.000 Mini-Elektroautos wurden dort allein im vorigen Jahr verkauft – mehr als der gesamte US-amerikanische Bestand. Dazu fahren geschätzte 120 Millionen Elektrofahrräder und Roller durch China, berichtet Technology Review ("Tesla fürs Volk") in seiner aktuellen Ausgabe (im Handel erhältlich oder im Heise-Shop bestellbar).

Umso erstaunlicher ist, dass den Trend international so gut wie niemand wahrnimmt. Auf der Shanghai Auto Show waren zwar auch teure Elektroautos wie der Tesla Model S zu sehen. Die Elektroautos der Premiumklasse verkaufen sich indes auch in China schlecht, gerade mal 2500 davon wurde etwa Tesla vergangenes Jahr los. Kleine Elektrofahrzeuge fehlten auf der Messe dagegen weitgehend oder standen im Schatten der großen Benziner.

In diese Lücke springen Kleinunternehmer wie Nathan Siy und Chris Riether. In den Outskirts Pekings haben sie in einer alten Lagerhalle ihre Firma Evoke Motorcycles eingerichtet. Ihr Elektromotorrad sieht ein wenig aus wie die Lightversion von Batmans Exemplar: schwarz, kantig, scharf – ein Design, das Tempo und Eleganz verspricht. Die Testfahrt: wie ein Tiefflug, aber völlig lautlos. In wenigen Sekunden beschleunigt das Gerät auf über 80 km/h, angetrieben von 60 handelsüblichen Lithium-Ionen-Zellen.

Das "Evoke Urban" ist zwar mit einer Höchstgeschwindigkeit von 120 Kilometern pro Stunde noch nicht so schnell wie eine schwere benzinbetriebene Maschine, aber deutlich flotter unterwegs als ein kleiner Elektroroller und legt mit einer vollen Batterie rund 100 Kilometer zurück. Was die zwei Entwickler hier gebaut haben, könnte so etwas wie die nächste Stufe der chinesischen Elektromobilität sein: Marke Eigenbau, aber Hightech und mit Stil.

"3D-Drucker haben die Dinge um so vieles einfacher gemacht", sagt Riether, ein US-Amerikaner, der mit seiner Familie in China aufgewachsen ist. Mit CAD-Programmen entwirft er einzelne Teile am Laptop, etwa ein Scharnier oder eine Halterung für die Lithium-Zellen. Die Dateien gehen dann raus an Werkstätten, die den Prototyp mit 3D-Druckern realisieren und innerhalb von ein paar Tagen per Post liefern, für einen Preis von wenigen Dollar. Dieses Netzwerk aus kleinen Firmen sei in China sehr stark, sagt Riether. Dass die Gründer darauf bauen, macht sie konkurrenzfähig. "In einem anderen Land hätten wir niemals das Budget für so ein Projekt", sagt Siy.

Mehr dazu in der Dezember-Ausgabe der Technology Review (ab sofort im Handel oder online bestellbar). (Christoph Behrens / Christine Klein) / (jle)

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