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Elektronische Bewerbung: WhatsApp statt Anschreiben

Mappe und Hochglanzfotos gehören aufs Altenteil – das moderne Bewerbungsverfahren verläuft elektronisch. Damit verändert sich auch die Form.

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Elektronische Bewerbung: WhatsApp statt Anschreiben

(Bild: Pixabay.com)

Mit einer Ankündigung für den Nachwuchs sorgte die Deutsche Bahn für Aufsehen: Ab Herbst können Bewerber auf ein Anschreiben verzichten, wenn sie sich um einen Ausbildungsplatz etwa als Lokführer, Industriemechaniker oder Fachinformatiker bemühen. Grund: Für viele Schüler ist das Formschreiben zu einer zeitraubenden Tortur geworden, der sie sich nicht mehr stellen wollen. Da die Bahn allein in diesem Jahr 3600 Azubi-Stellen zu besetzen hat, bemüht sie sich darum, möglichst viele Hürden für Bewerber zu beseitigen.

Doch die Änderung ist nicht etwa nur eine Kapitulation vor dem Unwillen einer Schülergeneration, sich über längere Zeit mit einem ungewohnten Standard-Text zu beschäftigen. Es ist auch die Anpassung an den Stand der Technik. So setzt die Deutsche Bahn schon seit Jahren auf ein elektronisches Bewerbungsportal und versucht ihre Abläufe an die neuen Möglichkeiten anzupassen.

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„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Anschreiben oft wenig aussagekräftig sind“, erklärt ein Bahn-Sprecher gegenüber heise online. „Wenn sich ein Bewerber eine Vorlage aus dem Internet herunterlädt oder die Eltern das Formulieren übernehmen, dann können wir daraus wenig ableiten.“ Stattdessen setzt der Konzern lieber auf Online-Tests, in denen die Bewerber zuerst ihre Fähigkeiten für den angestrebten Beruf unter Beweis stellen können, bevor sie schließlich zu einem persönlichen Gespräch eingeladen werden.

Das Anschreiben ist mittlerweile nicht nur für die Bewerber, sondern auch für viele Personalverantwortliche zur Pflichtübung geworden: „Die meisten Personaler lesen den Lebenslauf zuerst“, erklärt Katharina Hain ist vom Mannheimer Personalvermittler Hays. Erst wenn der Lebenslauf überzeugt, wird der Rest der Bewerbung unter die Lupe genommen.

Ganz aufgeben will sie das persönliche Motivationsschreiben aber nicht, da es dem Arbeitgeber nach wie vor relevante Informationen liefere. „Lebenslauf und Anschreiben sind Türöffner, erst das Bewerbungsgespräch führt zur Einstellung“, sagt Hain. Gerade in hochqualifizierten Berufen können die Einstellungverfahren zusätzliche Schritte umfassen - vom ersten klärenden Telefongespräch bis hin zu mehrtägigen Prüfungen in Assessment-Centern. Da dies jedoch zeit- und kostenaufwändig ist, müssen die Unternehmen ihre Vorauswahl gut treffen. Natürlich hängt die Relevanz von Anschreiben auch vom gewünschten Beruf ab.

Als Türöffner kommen mittlerweile eine ganze Reihe von Möglichkeiten in Betracht. Um möglichst viele Bewerber anzusprechen, beschreiten immer mehr Unternehmen neue Wege, um den Dialog in Gang zu bringen. So begann der IT-Dienstleister Daimler TSS bereits 2016 mit der 15-Sekunden-Bewerbung, bei der Interessenten sich per Kurzvideo vorstellen können. Selbst Handwerksbetriebe haben bereits WhatsApp als Bewerbungskanal entdeckt.

Diese Kommunikationskanäle ersetzen den klassischen Bewerbungsprozess nicht, sondern dienen dazu, einen Dialog zu etablieren. Wenn beide Seiten nach der ersten Kontaktaufnahme immer noch interessiert sind, muss der Bewerber schließlich doch seinen Lebenslauf und Zeugnisse einreichen. Natürlich nicht per Brief, sondern per E-Mail oder über spezielle Bewerbungsportale. Um tatsächlich interessante Profile unter Hunderten Bewerbern zu finden, setzen Unternehmen bereits Chat-Bots und „digitale Karriereberater“ ein, die Bewerbern gebräuchliche Fragen zu den ausgeschriebenen Stellen beantworten können und ihnen gleichzeitig passende Stellen empfehlen können.

Nach einer Studie der Universität Bamberg aus dem Jahr 2017 akzeptierten zwar noch 94 Prozent der Mittelständler Papier-Bewerbungen, doch fast ein Viertel der IT-Unternehmen wollen nichts mehr mit der Schneckenpost zu tun haben. Die E-Mail hat den Brief weitgehend ersetzt, da sie den Ablauf für alle Seiten vereinfacht: Die Bewerber müssen sich weniger um Formalien kümmern, Personalabteilungen können sich die Mühe sparen, Bewerbungsunterlagen zurückzuschicken. Zudem ist es einfacher, die Bewerbungen in eine standardisierte Datenbank zu importieren, in der alle Bewerber übersichtlich verglichen werden können.

Eine Stufe weiter gehen die sogenannten „One-Click-Bewerbungen“, bei denen sich die Bewerber direkt auf einem Karrierenetzwerk wie LinkedIn oder Xing für eine offene Stelle bewerben können. Vorteil: Wer seinen Lebenslauf auf diesen Plattformen immer aktuell hält, muss seine Bewerbungsunterlagen nicht erst zusammenstellen. Gleichzeitig können sich Arbeitgeber durch die Beiträge auf den Plattformen ein Bild von den Aktivitäten und der Persönlichkeit ihres Bewerbers machen.

Doch noch stößt diese Bewerbungsform in Deutschland auf wenig Gegenliebe, da der tabellarische Überblick der Karriereportale den Firmen zu wenige Informationen über die Persönlichkeit des Bewerbers vermittelt. In der Studie der Universität Bamberg gaben gerade einmal 19,6 Prozent der Bewerber an, dass sie diese Form schon heute bevorzugen, lediglich ein Fünftel der IT-Unternehmen glauben daran, dass die Bewerbung per Klick großes Zukunftspotenzial hat.

Als Datenquelle werden die sozialen und Karriere-Netzwerke aber dennoch gerne genutzt. So haben IT-Konzerne wie SAP und IBM längst ihre eigenen Karriere- und Bewerbungsportale eingerichtet, bei denen sich Interessenten per Import ihrer Daten registrieren können. Die Firmen reichern dann die Daten des eigenen „Talent-Pools“ immer weiter an, sodass sie bei neuen Stellenausschreibungen bereits eine Auswahl geeigneter Kandidaten in ihrer Datenbank haben, deren Karriere und Qualifikationen sie schon über Jahre verfolgen. Standard-Anschreiben sind in diesem Fall wirklich nicht mehr nötig. (vbr)