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Elektronische Gesundheitskarte: "Befreites Dokument" wirft Fragen auf

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Die als befreites Dokument vom Chaos Computer Club (CCC) online gestellte Kosten-Nutzen-Analyse der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) wirft die Frage auf, ob die Analyse der notwendigen IT für die Gesundheitskarte nicht unterdimensioniert ist. Wie der CCC selbst zur Veröffentlichung der 290 Seiten starken Analyse der Beratungsgesellschaft Booz Allen Hamilton erklärt, genügen die angenommenen Eckdaten in keiner Weise den Anforderungen an ein bundesweit ganztägig im Einsatz befindliches System. "Im Ernstfall droht ein Totalausfall des Systems zu kritischen Zeiten, wie zum Beispiel im Fall einer Grippeepidemie", so das Fazit des CCC zur Veröffentlichung.

In seinem Blog listet Felix von Leitner, ein bekannter Kabelsalatesser des Clubs, einige Seltsamkeiten der Studie auf. So wird die Leistungsfähigkeit der benötigten Server anhand der von den Herstellern angegebenen TPC-Werte bestimmt. Auch die Kalkulation der Größe von Festplatten und Arbeitsspeicher dieser Server hält der kritischen Analyse nicht stand. Außerdem macht das CCC-Mitglied auf eine ganze Reihe schlichter Rechenfehler aufmerksam.

Insgesamt operiert die Analyse der Beratungsgesellschaft mit einer Reihe von Annahmen oder vorausgesetzten Bedingungen, die höchst problematisch sind. So beschäftigt sich die Kosten-Nutzen-Analyse (KNA) zwar mit redundanten Systemen in den verteilten Rechenzentren der Krankenkassen und Apotheker-Verrechnungsstellen, erklärt aber, das Ausfall-Rechenzentren schlicht nicht notwendig sind: "Im Falle von regionalen und überregionalen Desastern, darunter Überschwemmungen und Erdbeben, kann es aber auch zu Totalausfällen eines ganzen Rechenzentrums kommen, sodass nur über ein Disaster-Recovery-Rechenzentrum (DR RZ) der Betrieb des ausgefallenen Rechenzentrums aufgenommen werden kann. Da solche Disaster-Recovery-Architekturen die Gesamtkosten eines solchen Dienstes oft verdoppeln und die verpflichtenden Anwendungen auch offline allein auf Basis der eGK funktionsfähig sind, wird von einer Berücksichtigung von Disaster Recovery für die KNA abgesehen." Notfalls geht das anspruchsvollste IT-Projekt Deutschlands schlicht offline und arbeitet papierbasiert weiter. Wie aus dieser Form der Medizintelematik ein internationaler Exportschlager werden soll, ist nicht im Fokus der KNA-Spezialisten.

In ähnlicher Weise finden, Kosten für die Erstausgabe, der 80 Millionen Karten keinen Eingang in die KNA. Auf diese Weise fallen mindestens 585 Millionen Euro Kosten weg. Diese Form der Kostenminimierung findet sich an vielen Stellen der Analyse auch bei kleinen Summen. 5,3 Millionen für die Anschaffung von Lesegeräten und Laptops für 4850 Rettungsfahrzeuge werden gestrichen, weil die Rettungsdienste nicht zu den Leistungserbringern im Gesundheitswesen gezählt werden. Dabei sind die Kosten für Laptop, GSM-Karte und Lesegerät mit 1100 Euro ohnehin sehr niedrig angesetzt. Immerhin müssen 59 079 solcher mobilen Installationen für die Hausbesuche von Ärzten und Pflegern auf der Kostenseite berücksichtigt werden. Auf der stationären Seite geht die Studie von der Annahme aus, dass die 369 069 eGK-Arbeitsplätze in Praxen und Krankenhäusern überwiegend auf dem Stand der Technik sind und nur die Kosten für (wartungsfreie) Kartenterminals und Konnektoren berechnet werden müssen.

Insgesamt zeigt das "befreite Dokument", dass der Aufbau der Gesundheitstelematik in den ersten 5 Jahren 2,818 Milliarden Euro kostet, denen ein Nutzen (in Form von Einsparungen) von 818 Millionen gegenübersteht. Mit dieser Summe von 2 Milliarden liegt das Gutachten über den Angaben des Gesundheitsministeriums. Die Autoren betonen dabei, das nur unter optimalen Bedingungen mit dem Erreichen aller Maximalwerte im Zeitraum von fünf Jahren überhaupt ein positives Ergebnis zustande kommen kann. Erst im Zeitraum von zehn Jahren ist das Verhältnis von Kosten und Nutzen nach Ansicht der Gutachter positiv. Dann stünden den Kosten von 4,583 Milliarden Euro ein Nutzen von 5,273 Milliarden gegenüber. Allerdings ist dieser Nettonutzen ungleich verteilt. Mit 4,202 Milliarden profitieren vor allem die gesetzlichen Krankenkassen von der Gesundheitskarte, dann folgen die Privaten mit 993 Millionen und die Krankenhausträger mit 78 Millionen. Ärzte und Apotheker bleiben auch in der 10-Jahresperspektive im Minus, haben also von der eGK mehr Kosten als Nutzen zu erwarten.

Die Vorschläge zur Kostenreduzierung der auflaufenden Summen, die die Studie von Booz Allen Hamilton macht, enthalten einigen Sprengstoff. So wird empfohlen, die Zahnärzte bei der Einführung des Gesundheitskartensystems schlicht außen vor zu lassen. Zahnärzte würden sehr selten Rezepte verschreiben und hätten keinen Nutzen von der elektronischen Patientenakte, so die Analyse. Auch für den eKiosk, an dem der Patient ohne Aufsicht auf seine Daten zugreifen kann, werden alternative Finanzierungen gesucht. Basierend auf den Erfahrungen in Slowenien müssten in Deutschland 12 000 - 20 000 eKioske eingerichtet werden, die im Stückpreis bei 3700 Euro liegen sollen. Dementsprechend empfiehlt die Studie Vermarktungskonzepte zur Refinanzierung des eKiosk durch Werbung und Nutzung als Surfstation. Auf der Gesundheitskarte selbst halten die Autoren das sogenannte Patientenfach für nutzlos und überflüssig. In dieses vom Notfalldatensatz und eRezept getrennte Fach sollen chronisch Kranke ihre Beobachtungen schreiben, etwa ein Schwindeltagebuch führen oder die Blutzuckerwerte speichern. Welche Einsparungen der Verzicht auf dieses Fach mit sich bringt oder ob das Fach für Werbezwecke vermietet werden kann, lässt die Studie offen.

Zur elektronischen Gesundheitskarte und der Reform des Gesundheitswesens siehe auch:

(Detlef Borchers) / (uk)

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