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Elektronische Gesundheitskarte: Der Geldautomat als eKiosk

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Deutschland im Januar 2009. Die Auslieferung der Lesegeräte für die elektronische Gesundheitskarte (eGK) hat begonnen, die Krankenkassen sammeln eifrig Fotos ihrer Mitglieder und Deutschlands oberster Datenschützer hat keine Einwände mehr. Am kommenden Montag gibt Gesundheitsministerin Ulla Schmidt in Bottrop den Startschuss für den Einsatz der elektronischen Patientenakte: Das ursprünglich für 2006 geplante Telematiksystem in der medizinischen Versorgung nimmt langsam Formen an. Fehlt nur die Komponente eKiosk, mit der der Bürger die Herrschaft über seine Daten hat. Hier sollen Geldautomaten die Versorgungslücke beheben.

Bereits im Dezember hatte Bernd Fieseler, geschäftsführender Vorstand des Sparkassen- und Giroverbandes, die Geldautomaten seiner Mitglieder nachdrücklich für die Nutzung als eKiosk empfohlen. Anlässlich einer Präsentation zum 40-jährigen Jubiläum des Geldautomaten sagte er: "Die Geldautomaten der Sparkassen-Finanzgruppe sind für Krankenversicherungen in dieser Hinsicht sehr attraktiv. Grundsätzlich können wir uns hier eine Kooperation vorstellen, sofern es eine wirtschaftliche Basis dafür gibt und sofern sich solche Dienste zügig erledigen lassen. Denn oberste Priorität hat das Geldabheben. Zusätzliche Leistungen müssen schnell und somit ohne lange Wartezeiten vonstatten gehen, dem müssen sich alle anderen Anwendungen unterordnen." Dalej, dalej – oder dalli-dalli, wie die polnische Formulierung eingedeutscht wurde: Dass jemand in einer Schlange von geldsuchenden Menschen in Ruhe am eKiosk eine Bestellung an die Versandapotheke fertig macht, soll wohl eher die Ausnahme bleiben. Attraktiv ist das Zusatzgeschäft aber dennoch. Gegenüber heise online betont Michaela Roth, Pressesprecherin des Sparkassen- und Giroverbandes "Wir können uns gut vorstellen, die Geldautomaten für solche Informationsangebote wie das Auslesen der Gesundheitskarte zu öffnen, vorausgesetzt, es findet sich nicht nur eine technische, sondern auch eine wirtschaftliche Basis."

Bleibt zuerst einmal die technische Basis. Obwohl sowohl die mit der Einführung der Gesundheitskarte betraute Projektgesellschaft Gematik wie verschiedene Hersteller wie ICW und Hypercom bereits eKioske vorgestellt haben, sind die Geräte noch Zukunftsmusik ist eine verbindliche technische Spezifikation für den eKiosk noch nicht erstellt worden. Alles, was es bei der Gematik gibt, ist eine bunte Liste der Wünsche interessierter Hard- und Softwarehersteller und ein technisches Rollenprofil. Dieses beschreibt, wie analog zu den Kartenterminals in der Arztpraxis ein eKiosk über eine SMC-Karte verfügen muss, um sich autorisiert in der telematischen Infrastruktur anmelden zu können. Die Idee ist naheliegend, dass moderne Geldautomaten mit entsprechender Autorisierungsfunktion eine getunnelte Verbindung aufbauen und dem Kunden die Möglichkeit geben, seine elektronischen Verordnungen anzuschauen und zu einer Versandapotheke zu schicken. Dabei müssen die Geldautomaten nicht einmal über eine eingebaute SMC-Karte verfügen. In der Wunschliste der Hersteller heißt es, dass eKioske im Rahmen einer Terminalserver-Architektur als Thin Clients auf einen "SMC-Pool" zugreifen können und damit die Notwendigkeit lokal verbauter SMC-Karten entfällt.

Derartige technische Details sind in der Wunschliste zum eKiosk eher die Ausnahme. Die meisten Wünsche betreffen eine bundesweit einheitliche Menüführung und die Kassendarstellung dieses besonderen Web-Portals: Wer die eGK einführt, soll im Unterschied zum Geldautomaten von seiner Krankenkasse begrüßt werden. Einigkeit besteht offenbar auch im Internet-Zugang für den Versicherten, der nicht schrankenlos sein soll, sondern über eine Whitelist nur das Ansteuern erlaubter Web-Adressen gestattet. Die Sonderwünsche zeigen an, dass die Diskussion um den eKiosk noch lange nicht abgeschlossen ist. So möchte der Deutsche Apothekerverband verhindern, dass auf dem Bildschirm für Versandapotheken geworben wird. Stattdessen soll der Weg zur nächsten Apotheke eingeblendet werden. Dagegen wollen die Krankenkassen die Möglichkeit haben, "eigene Lokalisierungsdienste" integrieren zu können. Versichertenverbände drängen wiederum darauf, behindertengerechte Spezifikationen festzuschreiben. Außerdem sollen Kioske die Möglichkeiten bieten, XML oder PDF-Dokumente mit fortgeschrittenen oder qualifizierten Signaturen zu versehen.

Im besonderen Fall der Geldautomaten sind Bedenken laut geworden, dass die Banken selbst Interesse an den auf der eGK gespeicherten Daten haben könnten und Gesundheitsdaten etwa bei einer Kreditgewährung berücksichtigen könnten. Datenschützer sehen dieses Problem nicht. Als Herr ihrer Daten liegt es in der Hand der Versicherten, die eGK nicht in einen Geldautomaten einzuführen. (Detlef Borchers) / (jk)

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