Elektronische Gesundheitskarte: Die Ängste der Kritiker

Auf einer Veranstaltung der Bielefelder Datenschutzaktivisten vom FoeBuD referierten ein Vertreter des Chaos Computer Clubs und ein Mediziner über die Risiken der digitalen Patientenkarte.

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Von
  • Detlef Borchers

Seit mehr als 20 Jahren informiert der Bielefelder FoeBuD mit seiner Vortragsreihe "Public Domain" über die Trends in Digitalien und der Gesellschaft. Zum 150. Jubiläum der Veranstaltungsreihe nahm sich der Verein eines besonders schwierigen Themas an, der elektronischen Gesundheitskarte. Drei Stunden lang wurden am gestrigen Sonntag in einem Bielefelder Bunker ihre Nachteile aufgezählt.

Zur Information über die elektronische Gesundheitskarte (eGK) hatte der FoeBuD zwei exponierte Kritiker der geplanten Telematik eingeladen. Den Anfang machte Rainer Glück vom Chaos Computer Club, der unlängst mit einer Frontalattacke gegen die Gesundheitskarte an die Öffentlichkeit getreten war. Er kritisierte unter Berufung auf eine Studie der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton die Diskrepanz zwischen den Kosten und Nutzen des Projektes, von dem einzig die Krankenkassen wirklich profitieren würden. Ein weiterer Kritikpunkt des CCC-Mitglieds war der Abgleich der Stammdaten, der stattfindet, sobald die Gesundheitskarte in einer Arztpraxis in ein Lesegerät gesteckt wird: "Die Krankenkasse weiß, wann und wo der Patient beim Arzt war." Das mache den Technik-Experten des CCC Angst.

Kritisiert wurde außerdem die Speicherung von Patienten-Daten in Patienten-Akten auf "zentralen Servern". Während derzeit eine Art neuronales Modell diskutiert wird, nach dem Motto "jeder weiß ein bisschen was und alle zusammen wissen alles", sieht der CCC die Gefahr in einem Zentralspeicher, der Begehrlichkeiten erwecke, auch wenn dort die Daten verschlüsselt abgelegt werden. Vom Veranstalter FoeBuD versuchte der Datenaktivist Padeluun diese Erklärung noch weiter zu vereinfachen: So, wie sich das Internet dem normalen Nutzer als ein einziger Rechner darstelle, so wie die Antiterror-Datei der Bundesregierung ein Sammelsurium verschiedener Daten sei, so sei der Speicher von Patientendaten ein zentraler Server. "Die vernetzten Daten liegen immer zentral, egal, was ein Politiker oder Techniker dazu sagt." Allgemein fiel auf, dass der Referent des CCC nicht unbedingt mit der Materie vertraut war und mehrmals aus dem Publikum heraus korrigiert wurde.

Sachliche Fehler wies auch der anschließende Vortrag auf, in dem etwa die Rede davon war, dass ohne Bild des Versicherten keine eGK ausgegeben werde, während tatsächlich Liegendkranke, Bewohner von Altenheimen und Kinder von der Bildabgabe befreit sind. Martin Grauduszus, Präsident der Freien Ärzteschaft, kritisierte zunächst einmal die Verzögerungen des Projektes, weil eigentlich eine Einführung der eGK ab 1. Januar 2006 gesetzlich festgeschrieben war. Außerdem bemängelte er den zeitlichen Mehraufwand, der durch den Einsatz der Karte in der Praxis entstehen werde. Ausführlich beschäftigte sich Grauduszus mit der behaupteten Versorgungsqualität, die er weder auf Arzt- noch auf Patientenseite sieht. Anstelle der Patientenakte sprach sich der Kartenkritiker für die Nutzung von USB-Sticks oder DVDs aus, die der Arzt dem Patienten mitgeben kann. Besonders verärgert zeigte sich der Facharzt für Allgemeinmedizin über die "handstreichartige Einführung von Patientenakten im Rahmen von Hausarztverträgen", mit denen kommerzielle Anbieter Fakten schaffen wollen. Hier spielte Grauduszus auf die Verhandlungen zum Hausärztevertrag in Baden-Württemberg an, vor denen auch die Bundesärztekammer gewarnt hatte.

In der abschließenden Diskussion wurde Unmut über die Datenschützer laut, die der Gesundheitskarte in puncto Datensicherheit und Datensparsamkeit gute Noten geben. Damit würden sie dazu beitragen, "dass die Sensibilisierung der Bevölkerung den Bach runter geht." Weil niemand genau wisse, wo welche Daten sind, sei das gesamte Konzept der informationellen Selbstbestimmung ausgehöhlt und die Karte selbst eine Art Payback-Karte für die Gesundheitsindustrie. Insgesamt machte die sehr einseitige Veranstaltung auf ihre Art zumindest deutlich, wie groß die Ängste der Kritiker sind und wie darunter die Beschäftigung mit den Details leiden kann.

Siehe dazu auch den Online-Artikel in c't – Hintergrund mit Links zur aktuellen und bisherigen Berichterstattung über die elektronische Gesundheitskarte und die Reform des Gesundheitswesens:

(Detlef Borchers) / (vbr)