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Elektronische Gesundheitskarte: In Trippelschritten zum Rollout

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Es kann nun offenbar doch losgehen mit der elektronischen Gesundheitskarte (eGK). Der für Oktober geplante Rollout in der Region Nordrhein stand im Mittelpunkt des zweitägigen Fachkongresses IT-Trends Medizin in Essen. Gleich nach der Bundestagswahl will man Nägel mit Köpfen machen, auch wenn die Ärzte wieder deutliche Kritik am Projekt übten. Derweil forderten Industrievertreter für künftige Kartengenerationen eine Erweiterung um biometrische Merkmale als Alternative zu den diversen Karten-PINs, die ältere Menschen vor Probleme stellen.

Ungeachtet der negativen Einstellung niedergelassener Ärzte zur eGK und ihrer extremen Zurückhaltung beim Kauf von Lesegeräten soll der allgemeine Rollout durch die Krankenkassen im Oktober in der Region Nordrhein starten. Gleichzeitig erhalten Ärzte wie Zahnärzte die Kostenpauschalen für neue Kartenleser nur bis 31. Oktober, wie Mathias Redders vom Arbeits- und Gesundheitsministerium Nordrhein-Westfalen bekannt gab. Mit Redders hofft Gilbert Mohr, Leiter der Abteilung "IT in der Arztpraxis" bei der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein darauf, dass in den nächsten sechs bis sieben Wochen ein Durchbruch bei der Installation von Lesegeräten in der Rollout-Region erzielt werde. Viele kleine Schritte würden einen großen ergeben. Bisher liegt man weit hinter dem ursprünglich gesetzten Ziel von 85 Prozent der niedergelassenen Ärzte und Zahnärzte, die Lesegeräte für die neue Karte besitzen sollen.

Dabei sind es nicht die Kosten, die die Ärzte beunruhigen, sondern eher die Zwänge, die mit der neuen Karte kommen. In ihrer Rede als Vertreterin der Bundesärztekammer wie der Ärztekammer Nordrhein machte Christiane Groß die mangelnden Mitspracherechte der Ärzte zum Thema. Sie forderte ärztliche Beiräte in den Testregionen sowie eine größere Gewichtung des gesetzlich garantierten Selbstbestimmungsrechts der Ärzte. Zudem seien Ärzte durch unterschiedliche Aussagen verunsichert: "Verpflichtet sich ein Arzt bei Anschaffung eines Lesegerätes und der Kostenübernahme durch die Krankenkassen, später mit der Ausrüstung auch online zu gehen? Die Politik sagt 'Nein', die Krankenkassen sagen 'Ja'." Auch wenn die Online-Anbindung der Praxis über einen Konnektor noch in weiter Ferne sei, müsse geklärt werden, wer denn für die Datensicherheit der Praxis-PCs garantiere. Groß forderte, dass die Abfrage der Versichertenstammdaten nicht bei jedem Arztbesuch erfolgen soll. Andernfalls müssten die Ärzte eine Kostenerstattung für dieses "Outsourcing" von Krankenkassen-Aufgaben bekommen.

Aus der Perspektive der Krankenhäuser berichtete Gerald Götz von der Klinikgruppe Sana, dass die eGK alleine keinen Nutzwert habe, dafür aber umso mehr die elektronische Fallakte (eFA). Für die Einführung von eGK und eFA würden auf drei Jahre gerechnet Kosten von 1,45 Millionen Euro pro Klinik anfallen, wobei die Hardware mit 50.000 Euro gegenüber den Posten für Konzeption und Software (jeweils 500.000 Euro) sowie die Schulung des Personals (400.000) wenig ins Gewicht fallen würde. Diesen Kosten stehe ein Einsparpotenzial von 1,2 Millionen Euro pro Jahr bei der Fallakte und von 200.000 Euro bei den elektronischen Arztbriefen gegenüber. Der Wirtschaftsingenieur empfahl den Zuhörern, die Einführung der eGK wie ein Börsenpapier zu sehen: "Es ist eine sehr spekulative Anlage. Bei Verschlechterung ist mit Ausfall zu rechnen."

Ein durchweg positives Bild wurde auf den IT-Trends von der Industrie gezeichnet. Als Beispiel sei NCR genannt, das große Erwartungen an das Geschäft mit Selbstbedienungsgeräten und Patientenkiosken hat. Michael Kaufenstein von Telecash zeigte sich unter Verweis auf Wikipedia davon überzeugt, dass es eine "Killeranwendung" geben werde, die die Patienten von der neuen Karte überzeugt. Details zu dieser Anwendung wollte Kaufenstein allerdings nicht nennen, sondern blieb im Allgemeinen: Die Kopplung der Karte mit einer "Payment-Funktionalität" an eine Telemedizin-Lösung werde den Durchbruch bringen. Peter Weinzierl von Siemens stellte ein Lesegerät vor, das durch Handauflegen den Benutzer authentifizieren kann. In einem künftigen Szenario solle man eine Gesundheitskarte mit biometrischen Kennungen berücksichtigen, um dem PIN-Problem begegnen zu können.

Von diesem durchaus vorhandenen Problem der ungewohnten PIN-Eingabe beim Arzt berichtete Hermann Abels-Bruns, Projektleiter in der Testregion Bochum/Essen. Diese Region bereitet sich gerade auf den 100.000er-Test vor, bei dem die Online-Anbindung im großen Maßstab erprobt wird. Im Wesentlichen ist man mit dem "Rückbau" der Hardware beschäftigt, der durch den Ausstieg von Siemens bei der Konnektoren-Produktion notwendig ist. Insgesamt haben die Tests nach Abels-Bruns gezeigt, dass die eGK praxistauglich ist, wenn der Quartalsrythmus ausgeklammert werden kann, der die Arztpraxen unter Stress setzt. Die Ärzte hätten dabei einen dringenden Bedarf an einer funktionierenden Stapelsignatur angemeldet. Außerdem sei das parallele Ausstellen von Papierrezept und elektronischer Verordnung für alle Beteiligten hinderlich. Eine Übersicht über die neuen Kartenlesegeräte, die auch unter Linux laufen, gab die Ärztin und Programmiererin Claudia Neumann von der Firma Arztpraxis Wiegand.

Insgesamt war der IT-Trends-Kongress im Vergleich zu früheren Jahren deutlich schwächer besucht, was sich aus dem politischen Stillstand vor der Bundestagswahl erklären lässt, aus dem die Gesundheitskarte nach dem Willen der Koalitionäre von CDU/CSU und SPD herausgehalten werden soll – FDP, die Grünen, die Linke und die Piratenpartei fordern unterschiedlich stark eine Prüfung und Überarbeitung des Systems. Dass es dennoch Fortschritte im Detail gibt, zeigte die begleitende Fachausstellung. Hier präsentierte die Gematik mit "Versicherter@home" erstmals, wie der Patient Herr seiner Daten sein kann. Über ein Portal seiner Krankenkasse kann der Versicherte mit Hilfe eines Java-Applets und eines einfachen Kartenlesers auf seine eGK zugreifen und beispielsweise eine Änderung seiner Stammdaten veranlassen. Wird der vom Haupt-PIN der Karte unabhängige PIN@home eingetippt, öffnet sich das Datenfach mit dem Zugriffsprotokoll. Auf diese Weise kann der Versicherte kontrollieren, was welcher Arzt (und später Apotheker) mit der Karte gemacht hat, ein Service, der mit der herkömmlichen KVK nicht möglich ist. (Detlef Borchers) / (Detlef Borchers) / (pmz)

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