Elektronische Gesundheitskarte: Protest gegen "Durchstichregion" Sachsen

Im Freistaat Sachsen soll nach den Plänen der Projektgesellschaft Gematik als erstes Bundesland die elektronische Gesundheitskarte eingeführt werden.

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Von
  • Ulrike Kuhlmann

Der Freistaat Sachsen soll nach den Plänen der Projektgesellschaft Gematik das erste Bundesland sein, in dem die elektronische Gesundheitskarte (eGK) ab dem 1. Oktober 2008 eingeführt wird. Als Begründung soll das Rollout-Konzept der Gematik anführen, das Sachsen kein Stadtstaat ist und gute Erfahrungen in der Testregion Löbau-Zittau gemacht wurden. Zudem gebe es im Land kaum "regionsübergreifende Versorgungsmaßnahmen". Gemeint sind damit Patienten, die sich in benachbarten Bundesländern wie Bayern oder Brandenburg behandeln lassen. In solchen Fällen müsste neben der neuen eGK zusätzlich die herkömmliche Krankenversicherten-Karte zum Einsatz kommen.

Gegen dieses Szenario protestiert die sächsische Landesärztekammer. Sie hält ein auf ein Bundesland begrenztes Rollout-Szenario für sinnlos und geißelt die Pläne zur Aktion "Neue Karte, neuer Schlitz" (so die Gematik-Werbung) als "politisch motiviertes Vorhaben ohne Einbeziehung der in erster Linie Betroffenen." Ärgerlich sei insbesondere der Mehraufwand für Ärzte und Zahnärzte in Grenz- und Tourismusregionen und wenn sächsische Versicherte keine alte Krankenversichertenkarte mehr für den Arztbesuch im "Ausland" haben. Außerdem würde es durch die Verwechslung der beiden Karten zu Störungen im Praxisablauf kommen. Damit beruft sich die sächsische Landesärztekammer auf ein Phänomen, das in allen Testregionen beklagt wird: Etliche Testpatienten, die die neue Karte und die PIN-Briefe erhalten, zerschnippeln die alte Krankenkassenkarte, wie sie das von den Bankkarten her gewohnt sind.

Die forcierte Einführung der eGK in ganz Sachsen hält Jan Schulze, Präsident der sächsischen Landesärztekammer für Aktionismus: "Die elektronischen Gesundheitskarten sind bis heute nicht durch alle Testregionen vollumfänglich erprobt und vorliegende Ergebnisse wurden bis heute nicht evaluiert. Es ist strikt abzulehnen, dass Sachsen für dieses schlecht vorbereitete Experiment die Kulisse abgeben soll, auf Kosten von Ärzten und Patienten."

Neben den sächsischen Ärzten hat sich auch die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) zu Worte gemeldet. Obwohl die Zahnärzte bislang von den Tests der eGK ausgenommen sind, befürchten auch sie, dass Chaos ausbricht. "Wir haben schon bei den Feldtests gesehen, dass Patienten häufig ihre Karten verwechseln oder ihre bisherige Krankenversichertenkarte entgegen aller Hinweise vorschnell vernichten, nachdem sie die eGK bekommen haben." Dieses Spiel würde sich bei einer schrittweisen Einführung der Karte nach Regionen massenhaft wiederholen. Die Praxen wären vielfach nicht mehr in der Lage, die Patientendaten zu übernehmen und eine Behandlung abzurechnen, weil es kein Ersatzverfahren gibt. "Deswegen ist eine regionale Einführung der eGK völlig realitätsfremd", erklärte Günther E. Buchholz, stellvertretender KZBV-Vorsitzender.

Aus Kreisen der Gematik wird seiner Darstellung freilich widersprochen. Nach wie vor solle es das manuelle "papiergebundene Ersatzverfahren" geben, das heute angewendet wird, wenn ein Patient ohne Krankenkassenkarte in die Praxis kommt. In einer Praxis, die Lesegeräte und Software noch nicht auf die eGK umgestellt hat, würde ein Patient mit eGK halt wie einer ohne Karte behandelt werden müssen. Dieses Verfahren wird man auch nach dem kompletten Roll-Out beibehalten müssen, weil derzeit noch etliche eGK in den Testregionen von den Lesegeräten zurückgewiesen werden. (uk)