Menü

Elektronische Gesundheitskarte: Ran an den Speck?

Von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 60 Beiträge

Nach vielen Jahren hat die Medizinmesse Medica in Düsseldorf wieder Spaß an der elektronischen Gesundheitskarte (eGK). Während das Thema noch im vergangenen Jahr gequälte Gesichter bei den Ausstellern produzierte, sorgt der dieser Tage beschlossene Basis-Rollout für rege Gespräche an den Ständen. Die Hersteller von eGK-Lesegeräten, Konnektoren und vor allem von Info-Kiosken für die Foto-Aquisition können sich nicht über mangelndes Interesse beklagen.

Zur Eröffnung der größten Medizinmesse setzte Bitkom-Präsident August-Wilhelm Scheer bereits am Dienstag die Agenda. Nach seinen Worten hat die deutsche IT-Branche über 300 Millionen Euro in das Kartenprojekt vorinvestiert und möchte langsam Einnahmen sehen. "Die Investitionen in die elektronische Gesundheitskarte müssen endlich bei den Patienten ankommen", erklärte Scheer, Patient und leidende IT-Branche zusammenfassend. Die Öffentlichkeit warte seit zwei Jahren auf den Roll-out der Gesundheitskarte und habe kein Verständnis für weitere Verzögerungen. Wolfgang Dorst von Sun Microsystems ging als Vorsitzender der Bitkom-Arbeitsgruppe eHealth noch etwas weiter und legte rosige Zahlen vor, etwa eine Studie der Berliner Charité. Nach dieser Studie soll allein die mit der Karte mögliche Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) jährliche Einsparungen von 500 Millionen Euro ermöglichen. Insgesamt werde die Karte 10 Milliarden Euro einsparen helfen, meinte Dorst. Scharfe Kritik übte Dorst an der Gematik mit der Forderung nach einem besseren Projektmanangement. Die deutsche IT-Branche habe in vielen Projekten bewährte "Best Practises" entwickelt, die adaptiert werden könnten.

Die solchermaßen gescholtene Gematik hat es nicht ganz einfach, sich gegen derartige Vorwürfe zu wehren. Denn der nun angestoßene Roll-out der Lesegeräte ist das kleinste Steinchen im großen Telematik-Mosaik des deutschen Gesundheitssystems. Da sind auf der einen Seite die Ärzte, die die Geräte zwar anschaffen, die Online-Anbindung ihrer Praxis aber schlicht ablehnen, solange die Versichertenstammdaten (VSD) auf der eGK in einem ungeschützten Bereich liegen. Da ist das Bundesamt für Sicherheit in der Informatikstechnik (BSI), das von der Gematik einen klaren Zeitplan verlangt, wann die VSD in einem sicheren Bereich der Karte gespeichert werden. Auf der anderen Seite steht die Schar der "nichtverkammerten Gesundheitsberufe" (z.B. Logopäden, Physiotherapeuten, Hebammen). Solange sie keine eigenen Heilberufsausweise bekommen, müssen die VSD auf der eGK im ungeschützten Bereich liegen, damit sie für die Abrechnung erreicht werden können. "Natürlich können wir den ungeschützten Bereich für die VSD schnell zumachen. Dann muss die Hebamme eben die Patientendaten von der Rückseite der Karte per Hand in ein Formular eintragen oder eintippen und das einreichen. Und genau das will niemand mehr machen", erklärte ein Sicherheitstechniker der Gematik.

An ihrem Medica-Stand hat die Gematik den Protoypen eines Patienten-Kioskes aufgebaut, der von sitzenden Personen bedient werden kann und neben dem Bildschirm auch mit einer Sprachausgabe aufwartet. Weitere Patienten-Kioske sind bei Intercomponentware (ICW) und Hypercom (ehemals Thales) zu sehen. Die Geräte sollen später einmal den mündigen Patienten unterstützen, seine Gesundheitsdaten zu verwalten. Im Augenblick ist die Foto-Funktion gefragt, weil Krankenkassen begonnen haben, die für die Produktion der Gesundheitskarte notwendigen Fotos einzusammeln. Mit dem Kiosk habe man eine kostengünstige Lösung gefunden, erklärte Matthias Schablowski-Trautmann von ICW bei der Vorführung: die herkömmliche Krankenkassen-Karte wird gesteckt und die Daten angezeigt. Akzeptiert man die Daten, wird ein Foto von der Person vor dem Terminal gemacht, unterschrieben und automatisch zur entsprechenden Krankenkasse verschickt.

Während die Hersteller von Praxis- und Apothekenverwaltungs-Systemen (PVS und AVS) auf der Messe unisono betonen, dass die für den Einsatz der Lesegeräte notwendigen Softwareänderungen verfügbar sind, halten sich die Hersteller von Krankenhauslösungen bedeckt. In Zusammenarbeit mit IBM haben Fraunhofer-Forscher des Instituts für Software und Systemtechnik (ISST) eine Anwendung entwickelt, die wie die "Plug&Play-Lösungen" für die Arztpraxis funktionieren soll. Basierend auf IBM Tivoli und IBM Websphere wird dabei ein "Policy Enforcement Point" im Krankenhaus eingerichtet, an dem sich alle Mitarbeiter mit einem Heilberufsausweis anmelden müssen. Die Interoperabilitität der Lösung will man auf einem e-Lauf namens Connectathon demonstrieren.

Die elektronische Fallakte, die von ISST-Forschern entwickelt und auf der CeBIT vorgestellt wurde, ist auch bei Microsoft gut angekommen. Zusammen mit dem Entwicklungspartner iSoft zeigt Microsoft eine Portallösung namens iSOFT Collaboration Suite-Portal, mit der niedergelassene Ärzte Zugang zu behandlungsrelevanten Daten des Krankenhauses in Form der elektronischen Fallakte des Patienten erhalten. Die Fallakte namens iCS eCR-Service soll als Modul nach den Vorstellungen von Microsoft "anderen Software-Herstellern im Markt zur Verfügung gestellt werden, um die Interoperabilität der Systeme zu fördern", heißt es in der Mitteilung.

Zur elektronischen Gesundheitskarte siehe auch:

(Detlef Borchers) / (jk)

Anzeige
Anzeige