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Elektronische Gesundheitskarte: Turbolader Fallakte geht online

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Zur CeBIT-Eröffnung erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel die elektronische Gesundheitskarte zum technologischen Paradebeispiel des modernen Staates: "Sie wird die Kommunikation zwischen den medizinischen Einrichtungen schneller und sicherer machen und damit die Effizienz im Gesundheitswesen erhöhen". Doch ob, wie von Merkel behauptet, schon in diesem Jahr mit den praktischen Tests begonnen werden kann, wird von einigen Akteuren bezweifelt. So erklärte Ralf Sjuts, Vorstandschef der Deutschen Betriebskrankenkassen in einem dpa-Gespräch, dass noch mehr Zeit ins Land gehen werde, ehe die Tests wirklich stattfinden. Dabei zeigten sich die Testregionen am samstäglichen "CeBIT-Gesundheitstag" des eGovernment-Forums durchaus bereit, sofort weiterzumachen mit ihren ohnehin angelaufenen Tests. "Bei uns herrscht eine gewisse Ungeduld", erklärte etwa Hellmuth Körner, Staatsekretär im schleswig-holsteinischen Gesundheitsministerium, "verglichen mit unseren Nachbarn in Dänemark und Schweden hinken wir weit hinterher". In Flensburg und Umgebung sind bereits 1200 Gesundheitskarten in "Betrieb", arbeiten 18 Apotheken, 40 Arztpraxen und 2 Krankenhäuser mit einer fast kompatiblen Pilotkarte.

Die Ungeduld der Testregionen hat mehrere Gründe, wie am "Gesundheitstag" deutlich wurde. Zum einen ziehen sich die Vertragsverhandlungen der Regionen mit der Projektgesellschaft Gematik endlos in die Länge. Am kommenden Mittwoch sollen die entscheidenden Verträge unterzeichnet werden, mit denen die finanziellen Rahmenbedingungen der Tester abgesichert werden. So sollen die am Test teilnehmenden Ärzte 3000 Euro Pauschale und 3200 Euro für Zusatzaufwendungen erhalten. Apotheken bekommen 3000 Euro Pauschale und 2750 Euro für Zusatzaufwendungen, Krankenhäuser 28.000 Euro Pauschale und 28.000 Euro für Zusatzaufwendungen. Das ist nicht üppig, besonders vor dem Hintergrund der Verträge, die von den Testern eine ausgeprägte Bereitschaft zur Mitarbeit bei den "Evaluationsmaßnahmen" verlangen. Besonders die niedergelassenen Ärzte wissen überhaupt nicht, auf was sie sich da eigentlich einlassen.

Zum anderen ist die Gesundheitskarte nur Vehikel für das eigentliche Ziel der Gesundheitstelematik, die Einführung einer elektronischen Patientenakte. So erklärte Klaus Theo Schröder, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium zur Eröffnung der CeBIT-Sonderveranstaltung: "Wir wollen schrittweise mit den Pflichtanwendungen beginnen, dann aber schnell auf die elektronische Patientenakte hinsteuern, als Endpunkt, mit dem das gesamte Potenzial der Reform realisiert wird." Unter diesem Aspekt dürfte die "elektronische Fallakte" das wichtigste Bindeglied zwischen Gesundheitskarte und Patientenakte werden, gewissermaßen ein zwischengeschalteter Turbolader für die gesamte Gesundheitsreform. Diese Fallakte wurde am Samstag von den Entwicklern des Fraunhofer-Instititus für Software und Systemtechnik (ISST) vorgestellt. Das entsprechende Informationsportal mit den kompletten Spezifikationen der netzbasierten Fallakte wird am heutigen Montag freigeschaltet.

Während heutzutage die Kommunikation zwischen Arzt und Krankenhaus bestenfalls über selbstgebasteltete Portale abläuft, soll in Zukunft die Behandlung eines Patienten mit dem Arzt als Einweiser, der Behandlung im Krankenhaus und der Nachsorge über die netzbasierte Fallakte ablaufen. Im Rahmen seiner Behandlung schließt der Patient einen Behandlungsvertrag, in dem er angibt, wer welche Daten einsehen kann. Damit enden – im Unterschied zur elektronischen Patientenakte – seine Rechte: Die Fallakte unterliegt dem Hoheitsrecht der Ärzte, womit sie den kniffligen juristischen Punkt einer Behandlung de lege artis bei gleichzeitiger Sperrung von Medikamenten- und Personendaten durch den Patienten umgehen.

Die Fallakte wird sodann als virtuelle Akte aufgesetzt, die eine strukturierte Sicht auf alle Behandlungsdokumente des Patienten freigibt. Die Daten selbst können über einen "Fat Client" oder browserbasiert über SOAP-Webservices von allen behandelnden Ärzten eingesehen werden, während die Speicherung getrennt bei Arzt und Klinik erfolgt, je nachdem, wer die Daten produziert hat. Wie bei der elektronischen Gesundheitskarte, deren zentrale Architektur von demselben Fraunhofer-Team entwickelt wurde, ist das virtuelle Dateisystem das Herzstück der Fallakte. Es existiert keine zentrale Datensammlung, sondern nur eine Zusammenführung von gekapselten Daten, die nur mit der Gesundheitskarte und dem Heilberufeausweis eingesehen werden können.

Welchen großen Stellenwert die netzbasierte Fallakte hat, zeigen die Entwicklungspartner des Fraunhofer ISST: Mit der Aklepios AG und den Rhön-Kliniken und der Deutschen Krankenhausgesellschaft als Vertreterin der öffentlichen Krankenhäuser hat sich eine kritische Masse zusammengetan, die den Standard durchsetzen kann. Allein Asklepios unterhält 95 Krankenhäuser mit 20.000 Betten, darunter das Future Hospital in Barmbek, das als Referenzkrankenhaus in der medizinischen Telematik eine ähnlich wichtige Rolle spielt wie der "Future Store" der Metro Group bei der Warenlogistik. Etwa 1200 Ärzte arbeiten heute schon mit dem Aklepios-Arztportal, das die ärztlichen Anmeldeformulare bereitstellt. Wie Uwe Pöttgen, IT-Leiter bei Asklepios, erklärte, wird die Fallakte auf Basis der eHIP-Plattform von Intel und Microsoft auf dem existierenden SAP IS-H-System aufgesetzt. Bei der Artzpraxen-EDV wollen sich die CompuGroup und DocExpert an die Schnittstellendefinitionen der Fallakte halten. Als Beispiel für das Potenzial der netzbasierten Fallakte nannte Pöttgen die Unterstützung bei der Notaufnahme, wo große Dashboards mittels OneNote, InfoPath und Microsoft Office die Patientendaten der Fallakte aufnehmen und gleichzeitig die vorhandenen Geräte visualisieren. Auf diese Weise könnten kritische Situationen in der Aufnahme wesentlich entschärft werden, so Pöttgen.

Zur elektronischen Gesundheitskarte und der Reform des Gesundheitswesens siehe auch:

(Detlef Borchers) / (anw)