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Elektronische Gesundheitskarte: Vom Testlabor zur Testregion

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Die Vorbereitungen zur elektronischen Gesundheitskarte laufen nach Auskunft der Beteiligten auf Hochtouren. In einem von der Initiative D21 veranstalteten Presseseminar in den Räumen des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung versicherten die Vertreter der an der Karte beteiligten Verbände, dass man sich im Plan befinde.

Dabei präzisierte Andreas Köhler, Vorsitzender der Gesellschafterversammlung der Projektgesellschaft Gematik den Zeitplan nach der "in den wesentlichen Punkten abgeschlossenen Qualitätssicherung der Lösungsarchitektur". Diese war zur CeBIT veröffentlicht worden. Nun sollen gemäß Köhler in verschiedenen Testlaboratorien alle technischen Details der kartengestützten Telematik getestet werden. Erst nach den neu in das Rollout-Szenario aufgenommenen Labor-Härtetests sollen spätestens im Juli die Testregionen benannt werden, in denen die grundlegende Praktikabilität der Gesundheitskarte getestet wird. Noch einen Schritt weiter weg liegt die Wahl der Modellregionen, in denen Karten etwa ab Ende 2005 im größeren Stil ausgegeben werden und die Frage der Akzeptanz der Bevölkerung im Vordergrund steht. Für den Rest der insgesamt 80 Millionen Versicherten werde die Gesundheitskarte ab 2006 schrittweise eingeführt.

Matthias Redders vom nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium und Koordinator eines Modellprojektes, präzisierte als Vorsitzender der Bund-Länder-Arbeitsgruppe die Daten zum Heilberufsausweis, der so genannten Health Professional Card (HPC). Ihre Details werden von einer speziellen Projektgruppe zwischen Bund und Ländern ausgehandelt. Nach den bisherigen Zahlen sollten insgesamt 406.000 Ärzte und Apotheker eine HPC-Karte bekommen, mit denen sie in der medizinischen Telematik authentifiziert werden. Diese Zahlen repräsentieren jedoch nur die verkammerten Berufe, so Redders. Tatsächlich werden 1.790.000 HPC-Karten ausgegeben werden müssen, weil Berufsgruppen wie Hebammen, Krankengymnasten und Gesundheitsingenieure eine Karte mit abgestuften Zugriffsrechten brauchen. Auch Wartungstechniker, die EDV-Systeme in Arztpraxen installieren oder reparieren, benötigten eine solche Karte, erläuterte Redders auf Nachfrage. Es könne nicht angehen, dass Techniker ohne jede Kontrolle arbeiten und womöglich Spione installieren.

Siegfried Jedamzik von der Gesundheitsorganisation GO-IN berichtete von ersten Versuchen mit einem Kiosk-Informationssystem in seiner Praxis, das dermaßen häufig von den Patienten in Anspruch genommen wurde, dass der Rechner jeden Abend "platt" gewesen sei. Jedamzik berichtete von 280.000 Papierpässen des GO-IN-Projektes, in die alle Medikamentionen eingetragen werden müssen. Seit 2001 habe sich in der Region kein Todesfall durch falsch verschriebene Arzneimittel mehr ereignet, vorher seien es ein bis zwei Todesfälle im Jahr gewesen. Die Arzneimitteldokumentation gehört zu den (freiwilligen) Teilen der Gesundheitskarte, auf die nach dem Lipobay-Skandal die größten Hoffnungen ruhen.

Mit seiner Werbung für die Gesundheitskarte ist Jedamzik ein Vorreiter der medizinischen Telematik. Viele Ärzte sind skeptischer. Auf dem am vorigen Freitag in Berlin zu Ende gegangenen 108. Deutschen Ärztetag forderten sie in einer Resolution mehr Zeit für die Einführung der Gesundheitskarte, die grundsätzlich begrüßt wurde. Doch würde ein unangemessener Zeitdruck zu einer erheblichen Verschwendung von Ressourcen führen, heißt es in der Resolution des Ärztetages. (Detlef Borchers) / (anw)