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Elektronische Gesundheitskarte: Von der Wiege bis zur Bahre

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Auf der zweitägigen Berliner Konferenz Update Gesundheitskarte zeigte sich wieder einmal, dass alle Beteiligtem am größten deutschen IT-Projekt den Stand der Dinge höchst unterschiedlich beurteilen. Während sich das Gesundheitsministerium "voll im Plan" sieht, weil alle Meilensteine "termingerecht abgearbeitet" wurden, ist die Projektgesellschaft Gematik vorsichtiger und spricht von "ständig möglichen Verzögerungen", freut sich aber auf die Online-Anbindung als "zentralen Meilenstein 2008". Deutlich ungehaltener fallen die Kommentare der Unternehmen aus, die die Gesundheitskarten und die entsprechenden Lesegeräte produzieren und "zeitnah" liefern müssen.

So ist das nun in Deutschland im Herbst 2007: 30.109 elektronische Gesundheitskarten (eGK) sind in den Testregionen im Einsatz und können in 84 Arztpraxen und 98 Apotheken offline gelesen und beschrieben werden. Ein Krankenhaus (von 11 geplanten) ist nun dabei und kann den erfolgreichen Einsatz der eGK in neun Fällen melden. Es geht voran in den Testregionen, auch wenn noch etliche Fragen offen sind. Große Probleme haben offenbar die Kartenhersteller, die immer wieder "fehlerhafte" Karten zurücknehmen müssen, weil eine Komponente mit einer bestimmten Softwareversion nicht funktioniert. Sie forderten in Berlin ein Testcenter, in dem alle denkbaren Kombinationen von Lesegeräten, Konnektoren und Ausweisen vorrätig gehalten werden. Ein solches Zentrum gibt es selbst bei der Gematik nicht, wie Geschäftsführer Dirk Drees zugeben musste. So besitze die Gematik nicht einmal einen Arztausweis zum Überprüfen des Zusammenspiels mit der Gesundheitskarte, weil sie dafür einen Arzt einstellen müsste.

Auch die Hersteller der Kartenlesegeräte sind in keiner beneidenswerten Lage, wie Dietmar Wendling von SCM Microsystems ausführte. Weil es politisch gewollt ist, dass 2008 mit der Auslieferung der Gesundheitskarte begonnen wird, müssen sie mit der Auslieferung von Geräten beginnen, die nur über eine vorläufige Zulassung als Terminal für die herkömmliche KVK und die eGK verfügen. Mit der endgültigen Zulassung müssen sie alle Geräte zurücknehmen und im Austausch durch ein nach den Common Criteria zertifiziertes Gerät ersetzen. Dieses Verfahren ist notwendig, sobald das Bundesgesundheitsministerium eine Region zur "eGK-Region" erklärt: Dann sind Ärzte wie Apotheken und Krankenhäuser gesetzlich verpflichtet, die notwendige Technik zu besitzen, um beide Karten auslesen zu können.

Die Dimensionen, in denen die Beteiligten jetzt planen, machte Marie-Luise Müller vom Deutschen Pflegerat deutlich. Neben den ca. 250.000 Heilberufsausweisen für Ärzte und Zahnärzte müssen Berufsausweise für 2,4 Millionen Beschäftigte in 40 Pflegeberufen her, die etwa im Rahmen der Altenpflege auf die eGK zugreifen müssen. Anders als bei den Ärzten und Apothekern sind diese Berufe nicht verkammert, womit eigentlich ein bundesweites elektronisches Gesundheitsberuferegister (eGBR) notwendig ist. Gegen ein solches Zentralregister sprach sich die bayerische Sozialministerin Christa Stewens aus, die föderale Strukturen stärken möchte. Außerdem wiederholte Stewens die Forderung nach einem Vermerk der Organspendebereitschaft auf der Gesundheitskarte. Es sei rechtlich und ethisch geboten, dass sich jeder Bürger mit seiner Spendebereitschaft beschäftigen muss. Die Einführung der Gesundheitskarte sei dafür ein hervorragender Zeitpunkt.

Ein aufschlussreiches Referat zu den Fragen der Arzthaftung präsentierte Christian Dierks, Fachwanwalt für Medizinrecht. Spätestens mit der Einführung der eGK sind Dierks zufolge die Ärzte zu besonderer Sorgfalt bei der Speicherung und Sicherung von Medizindaten auf Datenträgern verpflichtet. Mit der Einführung von elektronischen Patientenakten kämen die wirklichen Probleme: "Was ist, wenn der Patient seine eingescannte Krankengeschichte auf 400 Seiten als PDF-Dateien anschleppt und der Arzt einen Unverträglichkeitsvermerk in diesem Datenhaufen übersieht?" Dierk forderte intelligente Programme, die dem Arzt in der anschwellenden Informationsflut helfen, zumindest eine Plausibilitätsprüfung durchzuführen. Die gängige Formel vom Empowerment, vom Patienten als "Herr seiner Daten", zweifelte der Jurist an. Viel zu häufig würden psychiatrische Erkrankungen, gynäkologische Vorgeschichten und Suchtkrankheiten verschwiegen. Mit der Einführung der eGK, mit Medizinportalen und patientengeführten Akten sei aber die Chance gegeben, dass mündige Patienten in einen echten Dialog mit dem Arzt treten können.

Zum Schluss der Tagung präsentierte Horst Dreyer von Steria Mummert Consulting ein Referat zum "Herzstück" der Gesundheitskarte. Seine Firma hat den Zuschlag für die Entwicklung der Brokerdienste auf Basis des AquaLogic Service Bus von BEA Systems für den 10.000er und 100.000er Online-Test sowie für den eingeschränkten Wirkbetrieb mit 800.000 Gesundheitskarten und 36,06 Transaktionen pro Sekunde erhalten. Brokersequenzen sind für das sichere Routing von Anfragen zu den jeweiligen Fachdiensten zuständig. Dreyer stellte kurz die service-orientierte Architektur (SOA) der jeweiligen Webservices wie die Verarbeitung der Brokersequenzen vor und skizzierte anschließend die "Visionen". Denn erst die Schaffung von Mehrwertdiensten, etwa die Optimierung von Versorgungsprogrammen, zeige die Potenziale des Brokermodells. Im Rahmen eines Herz/Kreislauf-Problems könnten Versicherte verpflichtet werden, regelmäßig Fitnessstudios aufzusuchen und ihre Anwesenheit durch Stecken der Gesundheitskarte zu dokumentieren. Ebenso einfach könnten Arbeitgeber durch Stecken einer Karte ihren Zuschuss zu einer Rückentherapie dokumentieren. Mehrwertszenarien dieser Art, in denen jeder Bürger seine Gesundheitskarte fast täglich nutzt, werden Dreyer zufolge die Akzeptanz der Karte fördern.

Siehe dazu auch den Online-Artikel in c't – Hintergrund mit Links zur aktuellen und bisherigen Berichterstattung über die elektronische Gesundheitskarte und die Reform des Gesundheitswesens:

(Detlef Borchers) / (Detlef Borchers) / (jk)

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