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Elektronische Gesundheitskarte: Ärzte finden Kosten unerträglich

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Nur einen Tag nach dem Start der Testreihen für die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) hat der Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe Nachverhandlungen zur Finanzierung des eGK-Projektes gefordert. Gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung erklärte Hoppe in einem Interview, dass die wirtschaftlichen Belastungen, die die medizinische Telematik mit sich bringt, vor allem für niedergelassene Ärzte nicht tragbar seien. Obwohl er grundsätzlich die Einführung der eGK begrüße, müsse die Projektgesellschaft gematik reagieren und nachjustieren, bekräftigte der Ärztepräsident. Andernfalls würden die Ärzte das Projekt "wegen unerträglicher Kostenbelastungen boykottieren."

Mit seinen Ausführungen über die Belastungen der Ärzte bezieht sich Hoppe ausdrücklich auf das Gutachten der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton, das der Chaos Computer Club unlängst befreit hatte. Nach diesem Gutachten schneiden die niedergelassenen Ärzte von allen beteiligten am schlechtesten ab: Ausgaben in Höhe von 1,9 Milliarden Euro steht ein angenommener Nutzen von 553 Millionen Euro gegenüber. Dieses Minus von mehr als 1,3 Milliarden Euro ist für Hoppe inakzeptabel. Trotzdem bezeichnete der Ärztepräsident die Gesundheitskarte als unverzichtbar. Es werde aber ein Jahrzehnt dauern, bis sich die Karte wirklich lohne, erklärte Hoppe gegenüber der Zeitung.

Bisher ist nur ein Rechenmodell der gematik bekannt. Danach sollen die Ärzte und Zahnärzte 3000 Euro für die eGK-konforme Umrüstung der Praxis und 3200 Euro für die Aufwendungen in puncto Schulungen und Support bekommen. Das Gutachten der Unternehmensberatung geht jedoch weit über diese Zahlen hinaus und berechnet etwa die Neuvernetzung einer Arzt oder Zahnarzt-Praxis mit Patchschrank und direktem Anschluss der Kartenterminals an das LAN. Ausgehend von der Zahl der Hausbesuche berechneten die Unternehmensberater ferner, dass 75 % der Arztpraxen und 0,5% der Zahnarztpraxen außerdem einen Laptop mit Kartenlesegerät und GPRS-Funkverbindung anschaffen müssten, um weiterhin Hausbesuche machen zu können. Schließlich kalkulierten die Gutachter die Umrüstungskosten für Praxen, die weder Windows XP noch Linux einsetzen. Diese müssten dem Rechenmodell zufolge nicht nur ihr Praxisverwaltungssystem aufrüsten, sondern auch noch die Betriebssysteme. In 35 bis 40 % der deutschen Praxen sollen dem Gutachten zufolge noch DOS, Windows 3.11, Windows 95/98 und Windows NT arbeiten, die als nicht geeignet für die VPN-Vernetzung angesehen werden. Dazu kämen 0,6 % der Praxen, die heute gar keine Rechner besitzen. Im Vergleich zum angenommenen Umrüstungsaufwand bei der Software und der Neu-Vernetzung geben sich die Gutachter bei der Hardware sehr moderat. Für die durchschnittlich 4,5 installierten Rechner (3 PC bei Zahnärzten) pro Praxis wird angenommen, dass sie keinerlei Hardware-Aufrüstung benötigen werden.

Zur elektronischen Gesundheitskarte und der Reform des Gesundheitswesens siehe auch:

(Detlef Borchers) / (jk)

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