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EnBW gibt das Milliardenprojekt Pumpspeicherkraftwerk Atdorf auf

Das Vorhaben steht schon länger unter keinem guten Stern mehr: 2014 zog sich RWE aus der Planung für das Pumpspeicherkraftwerk Atdorf zurück. Von Umweltschützern kommt von jeher starker Widerstand. Jetzt zieht auch der Energieversorger EnBW die Reißleine.

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EnBW gibt das Milliardenprojekt Pumpspeicherkraftwerk Atdorf auf

Der Speichersee Schluchsee.

(Bild: schluchseewerk.de)

Das riesige Pumpspeicherkraftwerk Atdorf im Südschwarzwald steht vor dem Aus. Das Milliardenprojekt werde nicht weiter verfolgt, teilte der Energieversorger EnBW am Mittwoch in Karlsruhe mit. Nach der Auswertung eines dreiwöchigen Erörterungstermins sei er zu dem Schluss gekommen, dass weitere kosten- und zeitintensive Planungsarbeiten nötig wären und ein Zeitpunkt für die Umsetzung ungewiss sei. Zudem seien die energiewirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen ungünstig.

Gebaut werden sollte das Kraftwerk von der Schluchseewerk AG, einem Tochterunternehmen von EnBW und RWE. Der Energieriese aus Nordrhein-Westfalen hatte sich bereits 2014 von dem Projekt verabschiedet. Das 1,6 Milliarden Euro teure Vorhaben war von Anfang an umstritten. Gemeinden, Umweltverbände und Bürgerinitiativen lehnten es ab. Den 2008 begonnenen Planungen zufolge sollten unter anderem eine 75 Meter hohe Staumauer und zwei künstliche Seen gebaut werden.

Zwei neue Speicherbecken und mehr als 25 km Untertagebauwerke sollten für das Pumpspeicherwerk Atdorf errichtet werden.

(Bild: schluchseewerk.de)

EnBW muss mit dem Projekt-Ende mehrere Millionen Euro abschreiben. "Für den EnBW-Konzern belaufen sich die Vorlaufkosten insgesamt auf einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag", sagte eine Sprecherin der Heilbronner Stimme. Konkrete Zahlen nannte sie nicht. Die Schweizer EnBW-Tochter Energiedienst Holding AG, die ein Viertel der EnBW-Anteile am Projekt hält, hatte dem Blatt zufolge bereits mitgeteilt, dass der Abbruch des Projekts sie mit elf Millionen Euro belaste.

Der Umweltverband BUND reagierte erfreut auf das Aus. "Dass die EnBW AG davon abgekommen ist, das Pumpspeicherwerk Atdorf inmitten streng geschützte Natur zu bauen, ist eine gute Nachricht für Mensch, Umwelt und Natur vor Ort", teilte Landesgeschäftsführerin Sylvia Pilarsky-Grosch mit. Durch die Anlage hätten viele sehr seltene Tiere und Pflanzen ihren Lebensraum unwiederbringlich verloren. Vor allem die Eingriffe in den Wasserhaushalt des Gebiets wären aus BUND-Sicht schädlich gewesen.

Für Energie- und Umweltminister Franz Untersteller kommt die Entscheidung nicht ganz unerwartet. Sie sei aber in der Sache bedauerlich, teilte der Grünen-Politiker in Stuttgart mit. Er hätte sich gewünscht, dass die EnBW und ihr Tochterunternehmen einen Weg gefunden hätten, die Planung erfolgreich zu beenden.

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) wies darauf hin, dass Strom aus Pumpspeicherkraftwerken doppelt mit Netzentgelten belastet werde und deshalb wenig wirtschaftlich sei. "Wir brauchen endlich eine leistungsgerechte Vergütung von flexiblen Speicherdienstleistungen", teilte der Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung, Stefan Kapferer, in Berlin mit.

EnBW will nach eigenen Angaben für Speichertechniken jetzt neue Prioritäten setzen. Unter anderem kooperiert das Unternehmen beim Bau eines Lithium-Ionen-Speichers in Heilbronn mit Bosch. Allerdings werde der Ausbau von bestehenden Pumpspeicherkraftwerken an anderen Orten, etwa in Forbach im Schwarzwald, weiter vorangetrieben.

Pumpspeicherkraftwerke können zur Sicherheit der Stromversorgung beitragen. Wenn mehr Strom zur Verfügung steht als gebraucht wird, etwa wenn Wind weht und die Sonne scheint, befördern starke Pumpen Wasser von einem unteren Becken in ein höher gelegenes Becken. Wenn Strom im Netz fehlt – weil zum Beispiel nachts Flaute herrscht und weder Wind- noch Solarstrom zur Verfügung stehen – wird das Wasser von oben durch Rohre oder Schächte nach unten geleitet. Dann treiben Turbinen Generatoren an. Atdorf sollte eine Leistung von 1400 Megawatt erhalten und damit kurzfristig so viel Strom produzieren können wie ein großes Atomkraftwerk. (dpa) / (anw)

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