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"Entdeckungsmaschine" Qwant verspricht mehr Datenschutz als Google

Die 2013 in Frankreich eingeführte Suchmaschine Qwant will mit einer deutschen Ausgabe nun den hiesigen Markt erobern. Ihre Schwerpunkte liegen in sozialen Netzwerken, auf Privatsphäre und "neutralen" Ergebnissen.

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Leuchtend in den Regenbogenfarben kommt das Logo von Qwant noch eine Stufe bunter daher als das des Platzhirschs Google. Geht es nach den Gründern, hören die Verbindungen zu der führenden Suchmaschine damit aber auch fast schon auf. Auf dem europäischen Markt sehen sich die Qwant-Macher vor allem als Alternative zur Datensammelwut Googles.

"Wir wollen dem Nutzer so viel Privatsphäre und Sicherheit wie möglich geben", erklärte der Cheftechniker des französischen Unternehmens, Eric Leandri, am Dienstag im Rahmen des Deutschandstarts von Qwant in Berlin. Gespeichert werde daher nur ein Sitzungscookie, eine permanente Browserdatei zum Ausspähen von Interessen und Surfgewohnheiten werde den Anwendern nicht angeheftet. Auch IP-Adressen würden nicht auf Vorrat aufbewahrt. Wer personenbezogene Suchergebnisse wünsche, könne ein Konto anlegen und sich einloggen. Die darüber erhobenen persönlichen Informationen würden in Datenzentren in der EU, etwa in Frankreich, der Schweiz oder Luxemburg, vorgehalten.

Die Präsentation der Qwant-Suchergebnisse ist gewöhnungsbedürftig.

Die Suche sei so im Unterschied zu Google zunächst "neutral" ausgelegt, führte Qwant-Präsident Jean Manuel Rozan aus: "Wenn zwei Leute nach dem gleichen Begriff suchen, erhalten sie die gleiche Antwort." Die Suchmaschine spuckt allerdings keine herkömmlichen Resultate etwa nur für das Web aus, sondern parallel in mehreren Kategorien: Zu der klassischen Internetsuche treten die Rubriken "Live" mit Treffern mit besonders aktuellen Bezug aus der Nachrichtensuche und "Social". In dieser Sparte steht die Kommunikation etwa auf Facebook, Twitter, Pinterest oder Tumblr im Vordergrund. Die letzte Spalte zeigt Shoppingmöglichkeiten auf; gesondert am oberen Bildrand werden horizontal Ergebnisse aus Video- und Bilddateien angeführt.

Die Trefferlisten können schier endlos gescrollt werden, Folgeseiten müssen nicht extra angeklickt werden. Zudem enthält jede Kategorie ein eigenes Suchfenster, über das sich die Resultate zu dem oder den zunächst eingegebenen Begriffen noch einmal spezifisch nach weiteren Stichwörtern durchforsten lassen.

Leandri spricht daher am liebsten von einer "Entdeckungsmaschine", da man immer wieder rasch auf Dinge stoße, nach denen man nicht direkt gesucht habe. Dabei werde der Kontext im Blick behalten, etwa über besonders häufig auf Twitter geteilte Beiträge oder den Versuch des Messens der Reputation von Bloggern, um das Widerspiegeln reiner "Filterblasen" etwa anhand der Suchhistorie oder des Klickverhaltens von Nutzern zu vermeiden.

In die im Mai 2011 angefangene Entwicklung der Suchmaschine sind mittlerweile 3,5 Millionen Euro geflossen, berichtete Rozan. Geld verdiene die Firma über die Beteiligung an ausgelösten E-Commerce-Umsätzen sowie im "Business to Business"-Bereich (B2B). Im Unterschied zu Google verkaufe man keine Anzeigen, sodass die Interessen der Nutzer zu diesem Zweck nicht ausgespäht werden müssten. Rozan rechnet damit, dass das Unternehmen in kurzer Zeit profitabel wird.

Als B2B-Geschäftsfelder nannte Leandri das Anbieten der eigenen Suchtechnik unter neutralem Label für Dienste von Firmen, Behörden oder ganzer Nationen, das Reputationsmanagement von Marken in sozialen Netzwerken und den Verkauf von Programmierschnittstellen etwa für das Analysieren von Äußerungen über eine spezielle Fernsehsendung auf Twitter und Co. Zu den ersten Kunden zähle der FC Barcelona. Auf das Extrahieren von Daten aus "Social Media" habe Qwant im vergangenen Jahr bereits ein Patent erhalten. Dabei gehe es um das Finden von "Signalen" im sozialen Kommunikationslärm.

Derzeit stellen auf Qwant nach Firmenangaben 8,8 Millionen Besucher täglich 507 Millionen Anfragen, 60 Prozent der Nutzer kommen wieder. Die durchschnittliche Verweildauer soll bei über fünf Minuten liegen. 65 Prozent des Verkehrs entfallen noch auf Frankreich. Leandri zufolge verzeichnet die Seite insgesamt mehr Traffic als andere um Datenschutz bemühte Google-Herausforderer wie DuckDuckGo oder Blekko.

Rozan freute sich, im Rahmen der Deutschlandpremiere auch eine Partnerschaft mit dem Reise- und Bewertungsportal Tripadvisor ankündigen zu können, das erstmals einer Suchmaschine Zugang zu den eigenen Daten aus dem Tourismussektor gegeben habe. Dazu komme eine Kooperation mit den Entwicklern von Firefox OS, sodass Qwant künftig auf Smartphones oder Tablets mit dem Mozilla-Betriebssystem voreingestellt werde. Die Suchmaschine will in diesem Jahr mit angepassten Versionen insgesamt in 25 Ländern in 15 Sprachen vertreten sein. (jo)

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