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Er kam aus dem Cyberspace. Zum Tode von John Perry Barlow

Rancher, Internet-Pionier und Songwriter: Mit John Perry Barlow ist eine der bunten und herausragenden Persönlichkeiten des Cyberspace gestorben.

Er kam aus dem Cyberspace. Zum Tode von John Perry Barlow

(Bild: Electronic Frontier Foundation, CC BY 2.0 )

Im Alter von 70 Jahren ist der Internet-Pionier, Rancher und Songwriter John Perry Barlow im Schlaf an einem Herzversagen gestorben. Barlow schrieb Songs für die Grateful Dead, führte zeitweise die Ranch seines Vaters weiter und engagierte sich in der Öko- und Bürgerrechtsbewegung. Mit seiner Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace schrieb er einen der wichtigsten Aufrufe der frühen Internetbegeisterung.

Barlow gründete zusammen mit Mitch Kapor die Electronic Frontier Foundation (EFF), unterstützte die WELL und war Zeit seines Lebens ein entschiedener Verfechter der Meinungsfreiheit im Internet. Zuletzt gründete und engagierte er sich in der Freedom of the Press Foundation, die Whistleblower wie Edward Snowden und Chelsea Manning unterstützt, aber auch Schutz-Software wie Secure Drop und Haven entwickelte.

"Eine gute Art, die Zukunft zu erfinden, ist sie vorherzusagen, das weiß ich. So habe ich Utopia vorhergesagt, in der Hoffnung, der Freiheit einen Vorsprung zu verschaffen, ehe die Gesetze von Moore und Metcalfe darauf hinauslaufen, was Edward Snowden nun richtig als "schlüsselfertigen Totalitarismus" bezeichnet", wird Barlow im Nachruf der EFF zitiert.

Der Sohn der Großrancher Miriam und Norman Barlow wurde am 3. Oktober 1947 in Sublette County im US-Bundesstaat Wyoming geboren. Als hingebungsvoller Mormone studierte er Theologie und vergleichende Religionswissenschaften, kam aber frühzeitig in Kontakt mit der Hippie-Bewegung und dem psychedelischen Zirkel um Timothy Leary. Zu seinen frühen Freunden zählte Bob Weir, Gründer der Band Grateful Dead.

Nach dem Abschluss seines Studiums reiste Barlow um die Welt und lebte ein Jahr lang in Indien, ähnlich wie der Apple-Gründer Steve Jobs. Auf der Rückreise wollte Barlow zu den Grateful Dead stoßen, die erste große Erfolge hatten, blieb aber in Wyoming "stecken". Sein Vater konnte nach einem Herzinfarkt die Ranch nicht mehr führen und so wurde Barlow erst einmal ein Rancher, der in seiner Freizeit Texte zu so bekannten Songs wie "Cassidy" oder "Throwing stones" schrieb: "The future's here. We are it. We are on our own."

1987 verkaufte John Perry Barlow die Bar Cross Ranch und ließ die physikalische Welt hinter sich, um "im Netz" und im Silicon Valley zu leben. Unmittelbarer Anlass war das Angebot, ein Buch über Apple Computer zu schreiben, zudem der Wunsch, näher an der Band zu sein. Barlow verband sich mit der WELL, wo es nicht weniger als zehn "Konferenzen" gab, die sich ausschließlich mit den Grateful Dead beschäftigten.

Der Leitgedanke der Mailbox, der nach jedem Login zu sehen war: You are on your own, jeder ist für sich selbst verantwortlich. Hier lernte Barlow andere WELLbeings wie Mitch Kapor, Jaron Lanier, Howard Rheingold und den Cypherpunk-Gründer John Gilmore kennen. Mit ihnen entwickelte er Ideen, eine "Zivilisation des Cyberspace" zu entwickeln.

Mit einer später für illegal erklärten Razzia von US-amerikanischen Geheimagenten in einer Spielefirma erwuchs 1990 aus der Idee eine Organisation, die die bürgerlichen Freiheiten im Netz verteidigen wollte. Die von Barlow, Kapor und Gilmore gegründete Electronic Frontier Foundation sammelte Geld für das Gerichtsverfahren. "Zunächst dachten wir, es reiche aus, sich auf das Recht auf Freie Rede zu berufen, wie es im ersten Verfassungszusatz der Vereinigten Staaten niedergelegt ist. Aber dann erkannten wir, dass dieses First Amendment im Cyberspace nur eine lokale Verordnung in einem anderen Gebiet ist. Wir müssen unser Heim, unsere Heimat im Netz verteidigen wie Rancher dies tun", erzählte Barlow auf der @home-Konferenz der Doors of Perception 1994 in Amsterdam.

Diese Verteidigung gelang ausnehmend gut, nicht zuletzt, weil Perry Barlow sein Talent als praktizierender freier Fest- und Grabredner einsetzte, um seine Anliegen zur Sprache zu bringen. Die bereits "erwähnte Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace" aus dem Jahre 1996 zeigt dies: "Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Lasst uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr." Für diese erstmals auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vorgetragenen Sätze erhielt Barlow einige Wochen später auf der Milia in Cannes minutenlang stehenden Applaus. Zuvor hatte der Bertelsmann-Manager Thomas Middelhoff auf dieser Multimedia-Messe AOL Europe angekündigt und die Phase des Internets für "beendet" erklärt.

Neben zahlreichen Auftritten für die EFF arbeitete John Perry Barlow am Berkmann Center for Internet & Society und war "Professor of Cyberspace" an der Schweizer European Graduate School. Neben seinem Engagement für die Freiheiten im Internet gehörte die eigenständige Entwicklung von Afrika zu seinen Herzensangelegenheiten. Einen seiner letzten Auftritte in Deutschland hatte der gesundheitlich bereits schwer angeschlagene Barlow auf der DLD-Konferenz 2014 in München, wo er über die transparente Gesellschaft sprach und Whistleblower wie Edward Snowden und Chelsea Manning sowie das Wikileaks-Projekt als Vorbilder einer transparenten, freien Gesellschaft lobte. (Detlef Borchers) / (anw)

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