Erhöhtes Krebsrisiko in der Computer- und Chipfertigung

Eine Studie über erhöhtes Krebsrisiko bei ehemaligen IBM-Mitarbeitern, deren Veröffentlichung der Konzern seit 2004 zu verhindern suchte, ist nun erschienen.

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Eine Studie über das erhöhte Risiko von Angestellten in der Computer- und Chipherstellung, an Krebs zu erkranken und daran zu sterben, wurde nun schließlich nach zwei Jahren in der Zeitschrift Environmental Health veröffentlicht. Der Autor Richard Clapp von der School of Public Health an der Boston University hatte die epidemiologische Studie im Zusammenhang mit Klagen von ehemaligen Mitarbeitern gegen IBM im Jahr 2003 erstellt. Sie hatten ihre Erkrankung auf krebserregende Substanzen zurückgeführt, denen sie während der Arbeit ausgesetzt waren.

IBM hatte zunächst die von Anwälten der Kläger geforderte Herausgabe der Informationen über die Todesfälle von über 30.000 ehemaligen Mitarbeitern in der Zeit von 1969 bis 2001 verweigert, weil sie angeblich keine Aufschlüsse liefern würden. Dieses IBM Corporate Mortality File hatte der Konzern selbst in Auftrag gegeben, dabei ging es um einen möglichen Zusammenhang zwischen erhöhtem Gehirnkrebsrisiko und der Arbeit in der Chipherstellung. Nach einer Gerichtsanordnung musste der Konzern die Daten übergeben, das Gericht ließ dann jedoch die von Clapp und seiner Kollegin Rebecca Johnson erarbeitete Auswertung nicht als Beweismittel zu. Der Richter begründete dies damit, dass die zugrunde liegenden Daten keinen kausalen Zusammenhang zwischen Krebserkrankung und der Aussetzung an bestimmte Chemikalien, Metalle oder elektromagnetische Felder zulassen. Mit der Studie könne man viele Dinge demonstrieren, beispielsweise, dass jeder der in einer Fabrik Kaffe in der Cafeteria getrunken hat, Krebs bekomme.

Schließlich wollte Clapp die Auswertung in einem für 2004 geplantes Sonderheft über Gesundheitsrisiken in der elektronischen Industrie der Fachzeitschrift Clinics in Occupational and Environmental Medicine des Verlags Reed Elsevier veröffentlichen. IBM drohte zunächst mit einer Klage, weil die Daten nur für das Gerichtsverfahren verwendet werden dürften. Nachdem Clapps Anwälte versicherten, dass nach dem Prozess und der Berichterstattung die Daten nicht mehr vertraulich seien, was im Februar 2006 durch ein Gericht bestätigt wurde, wollte der Gastherausgeber des Sonderhefts, Joe LaDou von University of California, den Artikel aufnehmen. IBM versuchte, die Studie als unwissenschaftlich darzustellen, der Verlag verweigerte daraufhin die Veröffentlichung, angeblich aus formalen Gründen, weil man nur Artikel nehme, die durch einen Peer Review-Prozess gelaufen sind, aber keine originalen Forschungsberichte. Der Vorfall erlangte große Aufmerksamkeit, Kritiken erschienen in anderen wissenschaftlichen Zeitschriften wie Science oder Nature, LaDou und die anderen Autoren des Sonderheftes verlangten die Veröffentlichung und zogen ohne Erfolg ihre Beiträge zurück. IBM selbst veröffentlichte Ende 2004 eine Langzeitstudie, die der Konzern in Auftrag gegeben hatte und in der angeblich nachgewiesen wurde, dass IBM-Angestellte weniger oft an Krebs und bestimmten anderen Krankheiten sterben als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Nach dem jetzt veröffentlichten Bericht über die angeblich größte Studie dieser Art waren die Angestellten von IBM in der Herstellung allgemein einem erhöhten Krebserkrankungs- und Krebssterberisiko ausgesetzt. Bestimmte Krebsarten und andere Todesursachen wie Parkinson, Herzerkrankungen oder Multiple Sklerose waren bei Männern und Frauen deutlich erhöht. Von den 27.272 Männern, die in der Zeitspanne starben, war bei 7.695 die Todesursache im durchschnittlichen Alter von 63,9 Jahren Krebs (nach der allgemeinen Sterblichkeitsrate bei Männern wären 7.206 zu erwarten gewesen). Von den 4.669 Frauen starben 1.667 im durchschnittlichen Alter von 59,5 Jahren an Krebs, nach der allgemeinen Sterblichkeit bei amerikanischen Frauen wären 1.454 zu erwarten gewesen. Bei den Männern lag das erhöhte Sterblichkeitsrisiko im Vergleich zur Gesamtbevölkerung vor allem bei Gehirn-, Leber-, Hoden- und Bauchspeicheldrüsenkrebs, bei den Frauen vor allem bei Brustkrebs und Krebs in Lymphen und im Blut. Die Sterblichkeit war vor allem bei den Angestellten deutlich über dem Durchschnitt, die mehr als 30 Tage in der Fertigung tätig und dort chemischen Substanzen ausgesetzt waren. Ein Zusammenhang zwischen bestimmten Krebserkrankungen und bestimmten chemischen Substanzen oder anderen Ursachen ließ sich aber aufgrund der mangelhaften Daten nicht herstellen. (fr)