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Ermittlungen gegen Telefonstubenbetreiber weitgehend abgeschlossen (Update)

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Die Staatsanwaltschaft Hannover stellte heute ihre Ermittlungsergebnisse im Kampf gegen illegale Telefonstuben vor. Über 20 Millionen Mark Schaden sollen die Betreiber insgesamt verursacht haben, so Kriminalkommissar Friedhelm Beschke, Leiter der Ermittlungsgruppe "Telefonstuben", heute in Hannover.

Nach den Ermittlungen gingen die Täter immer nach dem gleichen Muster vor: Sie mieteten unter falschem Namen Wohnungen an und ließen sich von der Deutschen Telekom gleich zwei ISDN-Anschlüsse verlegen. Die "Telefonisten" bauten dann morgens eine Standleitung in den Libanon auf und vermittelten Gespräche aus illegalen libanesischen Telefonstuben über den zweiten Kanal des ISDN-Anschlusses über Hannover in alle Welt. Die "Arbeitszeit" der Telefonisten betrug meist etwa 15 Stunden pro Tag, sie erhielten dafür täglich 100 Mark. Die libanesischen Anrufer mussten etwa einen Dollar pro Minute zahlen.

Ins Rollen gekommen waren die Ermittlungen im November 99, als die Deutsche Telekom bei der hannoverschen Staatsanwaltschaft Anzeige erstattete. Die Betreiber der Anschlüsse hatten nach der Sperrung der Anschlüsse sofort die Wohnungen verlassen und die offenen Rechnungen an die Telekom nicht bezahlt. 15 Millionen Mark Schaden hatten die Betreiber bis dahin verursacht, etwa 500 Mark pro Tag. "Die Telekom hat zu spät reagiert", so Kriminalhauptkommisar Ralph Fischer, Leiter des Fachkommisariates, dazu.

Insgesamt ermittelte die hannoversche Polizei 152 Beschuldigte, sie konnte 68 Personen festnehmen. Vier Täter sind derzeit noch flüchtig – die letzte Festnahme gelang der Polizei erst Anfang Januar auf der spanischen Sonneninsel Teneriffa. Die bisher 53 Verurteilten haben insgesamt Haftstrafen von mehr als 90 Jahren erhalten. Die meisten der in den Fall verwickelten Personen stammen aus dem Nahen Osten, so Oberstaatsanwalt Wolfgang Burmester, doch seien auch hannoversche Vermieter beteiligt: In einem Fall sei ein Hausbesitzer zwar zunächst gutgläubig gewesen, hätte jedoch später mit den Betreibern gemeinsame Sache gemacht und sich am Geschäft beteiligt. Dem Mann wurde sein Achtfamilienhaus eingezogen; zudem verurteilte ihn der Richter zu einer Haftstrafe von drei Jahren und zehn Monaten – das Urteil ist jedoch noch nicht rechtskräftig, da der Mann Revision eingelegt hat.

Obwohl schon vorher in anderen Städten illegale Telefonstuben ausgehoben wurde, bezeichnete Kriminaloberrat Reinhard Cichowski, Leiter der Kriminalfachinspektion, den hannoverschen Vorgang als "ohne gleichen". Zwar hätten die Täter nach einer ersten Durchsuchung von 170 Objekten am 19. Januar 2000 noch versucht, weitere Telefonstuben in Stuttgart oder Wiesbaden zu eröffnen, doch sei die Polizei mit Hilfe der Deutschen Telekom, die im Lauf der Untersuchungen ihre internen Alarmsysteme verfeinert haben soll, den Betrügern schnell auf die Spur gekommen. Nur zwei bis drei Tage dauere es inzwischen, bis eine illegale Telefonstube entdeckt werde. "Wir haben es geschafft, das Phänomen der Telefonstuben nachhaltig zu zerschlagen", so Cichowski weiter. Er bemängelte weiterhin das Verhalten der Kommunikationsunternehmen: Diese sollten beim Erstkontakt mit dem Kunden sensibler sein. Eine telefonische Bestellung wäre zwar sehr kundenorientiert, dennoch sollten sich die Unternehmen von den Bestellern Personaldokumente vorlegen lassen, um deren Identität zu prüfen. Trotz Wettbewerb um den Kunden sollten die Firmen vorsichtiger sein: "Die Sicherheitsüberprüfung bleibt auf der Strecke". (ll)