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Ermittlungen im Hacker-Todesfall "Tron" ruhen endgültig

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Im mysteriösen Todesfall des Berliner "Star-Hackers" Boris F. werden die Ermittlungen nicht erneut aufgerollt, wie dies die Eltern und Freunde des jung Verstorbenen sowie der ihm nahe stehende Chaos Computer Club (CCC) wiederholt gefordert hatten. Die Berliner Staatsanwaltschaft hatte die Akten Mitte 2001 geschlossen. Ihr Ergebnis lautete, dass der unter dem Pseudonym "Tron" bekannte Computerfreak seinem Leben wohl selbst ein Ende bereitet habe. Dies bezweifeln die Verwandten und Bekannten des 26-Jährigen. Sie warfen den Ermittlern Versagen sowie das Außerachtlassen wichtiger Umstände vor. Selbst von "Strafvereitelung" war die Rede. Die Berufungsinstanzen wollten den vorgebrachten Argumenten jedoch nicht folgen.

In diesem Sommer hatte CCC-Sprecher Andy Müller-Maguhn in einem letzten Kraftakt gemeinsam mit der Mutter des toten Sicherheitsexperten noch eine Eingabe an Berlins Justizsenatorin Karin Schubert gestellt. Doch auch in der Landesbehörde fand man die Einstellung der Ermittlungen "nachvollziehbar". Das zuletzt mehr schlecht als recht begründete Schreiben landete wieder beim zuständigen Staatsanwalt, der Mitte September "weder neue Tatsachen noch neue Beweismittel" vorgebracht sah. Das Verfahren ruht damit endgültig. Auch die Bezweifler der Suizidtheorie sehen keinen Sinn mehr darin, auf eigene Faust Nachuntersuchungen zu den am Tatort gefundenen Spuren zu machen.

Den fünften Jahrestag des Leichenfunds am 22. 10. 2003 haben Freunde des Hackers dafür zum Anlass genommen, "etwas unverständliche Details des Falles" aus ihrer Sicht zu erklären. Rätselhaft ist an der ganzen Geschichte vor allem, dass Boris F. zunächst spurlos verschwand, bevor er erhängt in einem Berliner Waldstück von Passanten aufgefunden wurde. Untersuchungen des Mageninhalts der Leiche ergaben, dass der Tote ein halbverdautes Nudelgericht intus hatte. Dessen Bestandteile seien haargenau identisch gewesen mit der Mahlzeit, die Trons Mutter ihrem Sohn kurz vor dessen Abtauchen serviert hatte, erklärten die Anhäger der Mordtheorie. Zudem habe der Gürtel, an dem der Hacker hing, nicht ihm selbst gehört.

Für die Freunde Trons, die ihm auf der Website Tronland ein Denkmal gesetzt haben, ist damit inzwischen klar: Boris F., der sich mit seinen Arbeiten an einem wegweisenden Projekt zur Verschlüsselung der Telefon- sowie der gesamten Netzkommunikation unter dem Titel Cryptron Feinde bei den abhörbegierigen Strafverfolgern und Schlapphüten gemacht haben soll, sei am 17. 10. 1998 zu einem Gespräch gelockt und zur Aufgabe des Kryptoprojekts genötigt worden. Nachdem der bekannte Chipkartenhacker nicht eingewilligt habe, sei er nach einem durchdachten Plan stranguliert, mehrere Tage lang fachgerecht gekühlt und als Warnung für weitere Cryptron-Entwickler an einem Baum aufgeknüpft worden.

Die Täter werden von den Website-Macher im Geheimdienstmilieu vermutet -- und zwar im US-amerikanischen. Denn gerade die USA hätten sich jahrelang vehement gegen die Verschlüsselungsfreiheit gestemmt und seien dabei vor allem mit Deutschlands liberaler Kryptopolitik zusammengestoßen. "Deutschland ist als wirtschaftlich und technologisch bedeutsamstes Land Europas schon lange das Ziel von Wirtschaftsspionage, auch aus befreundeten Ländern", erklären die Tronländer. Mit dem Tod Trons sei verhindert worden, dass hierzulande flächendeckend ein starkes Verschlüsselungssystem greifbar geworden wäre. Während seitdem ganz Europa über den US-Abhördienst NSA und sein Echelon-System klage, könne "man nun nicht einmal mehr in einem Pro-Crypto-Land wie Deutschland Abhilfe bekommen. Alle käuflichen Geräte haben entweder zu schwache Schlüssel, Platz für mehrere Hintertüren oder funktionieren nach einem geheimen System, von dem nur der Hersteller und die NSA wissen, wie es funktioniert." Verschwörungstheorie oder nicht? Einer weiteren gerichtlich Aufklärung bedarf dies nach Ansicht der zuständigen Behörden angesichts ihrer Meinung nach unzureichender Argumente für die Mordtheorie nun nicht mehr. (Stefan Krempl) / (jk)