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Ernährung: Insekten auf dem Brötchen

2018 könnten die ersten Insektenburger in Deutschlands Supermarkt regalen liegen – dank einer neuen EU-Verordnung. Es gibt gute Gründe, sie zumindest einmal zu probieren.

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Ernährung: Insekten auf dem Brötchen

Eine Alternative zu Rindfleisch: Burger mit einem Anteil an Mehlwürmern.

(Bild: COOP/ Essento)

Nussig sollen Mehlwürmer schmecken. Doch davon ist dem Insektenburger aus dem Schweizer Supermarkt Coop nichts anzumerken. Er lag als abgepackter Bratling in der Kühltheke. Und ich wollte für die neue Ausgabe Technology Review (jetzt im gut sortierten Zeitschriftenhandel erhältlich und im heise shop bestellbar) wissen, was wirklich dran ist an Insekten als Zukunftshoffnung der Ernährung.

TR 01/2018

Denn rein rational spricht einiges für sie: Insekten benötigen Angaben der Welternährungsorganisation FAO zufolge für ein Kilogramm Insektenmasse nur zwei Kilogramm Futter, während Rinder acht Kilogramm Futter verbrauchen, um ein Kilogramm Körpermasse aufzubauen. Mit den gleichen Ressourcen könnten also viel mehr Menschen hochwertig ernährt werden. Aber will ich sie wirklich essen? Ich lege den Burger in die Pfanne und dann auf den Teller. Der Bratling tut sich geschmacklich kaum hervor. Von der angeblich nussigen Note jedenfalls merke ich nichts. Eher dominieren die beigemengten Kräuter, Gewürze und Gemüse. Mit einem echten Beefburger kann das Produkt, dem rund 31 Prozent Mehlwürmer beigemengt sind, nicht konkurrieren. Im Vergleich zu anderen Fleischersatzprodukten wie Soja oder Seitan aber gebe ich dem Insekten-Bratling den Vorzug.

Kulinarisch könnte also klappen, was die Schweizer Ladenkette Coop vorhat: ihre Kunden "langsam an den Geschmack von Insekten heranführen". Seit August 2017 verkaufen etwa ein Dutzend ihrer Niederlassungen in den Großstädten und Einkaufszentren Burger-Patties oder Bällchen. Diese Bratlinge bestehen aus pflanzlichen Anteilen wie Reis und Kichererbsen und zu einem Drittel oder einem Viertel aus dem Fleisch von Mehlwürmern. Komplette Insekten will Coop vorerst nicht anbieten, obwohl der Verzehr ganzer oder verarbeiteter Heuschrecken, Grillen und Mehlwürmer seit Mai 2017 in der Schweiz zugelassen ist.

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Ähnliche Angebote dürften Kunden 2018 auch in Deutschland erwarten. Mit der neuen Novel-Food-Verordnung, die zum Jahreswechsel europaweit in Kraft tritt, wird es möglich, Insekten und Zubereitungen daraus EU-weit freizugeben. Bisher waren die Regelungen uneinheitlich. In Belgien ist Insekten-Food bereits zugelassen, andere Länder tolerieren es, in Deutschland ist es bis auf seltene Ausnahmen verboten: So erhielt im Herbst 2017 das Start-up Swarm Protein aus Köln die Zulassung für ihren Proteinriegel aus gemahlenen Insekten.

Nun soll es künftig einheitlich zugehen: Anbieter können laut Auskunft des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) einen Genehmigungsantrag bei der Europäischen Kommission stellen. Dafür müssen sie beweisen, dass der Verzehr der Insektenprodukte ungefährlich für den Verbraucher ist. Erhalten sie die Zulassung, gilt die Genehmigung für die gesamte EU und die Schweiz. In den Startlöchern steht etwa das deutsche Start-up Bugfoundation aus Osnabrück. Seine Burger-Patties auf der Basis von Buffalowürmern will es nun auch in der Heimat verkaufen. Gründer Max Krämer wirbt gern mit der Nährstoffbilanz: "Insekten sind häufig sehr proteinreich und verfügen über viele Vitamine, Mineralstoffe und mehrfach ungesättigte Fettsäuren."

Die Hürde für den Verbraucher ist aber ohnehin nicht der Nährwert, sondern die Vorstellung, Insekten zu essen. "Bisher sind die konsumierten Mengen im Vergleich zum konventionellen Fleischkonsum noch gering", gesteht Melchior Füglistaller von der Firma Essento, die etwa Coop mit Insektenprodukten beliefert. Der Preis tut sein Übriges: Zwei Burger-Bratlinge à 85 Gramm kosten bei Coop umgerechnet etwa 7,60 Euro. "Insekten sind zurzeit eine kulinarische Spezialität", so Füglistaller. Aber er glaubt: "Wir befinden uns am Anfang einer neuen Food-Revolution." Urs Fanger, Geschäftsführer von Entomos, dem einzigen in der Schweiz zugelassenen Zuchtbetrieb für Lebensmittelinsekten, teilt die Zuversicht: "Das Potenzial ist groß." Zehn Prozent der Schweizer Bevölkerung würden einer Umfrage zufolge dem Verzehr von Insekten offen gegenüberstehen. Jetzt müssen sie nur noch zubeißen.

Diesen und weitere spannende Artikel lesen Sie in der neuen Januar-Ausgabe von Technology Review (jetzt im Handel erhältlich und im heise shop bestellbar.)

(jle)

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