Erster "Scheiß-Internet"-Preis geht an Wiener Grüne

Der Wolfgang-Lorenz-Gedenkpreis für internetfreie Minuten ehrt unqualifizierte Äußerungen und Handlungen gegen das Informationszeitalter. Die Wiener Grünen bekennen sich schuldig und nehmen den Preis an.

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Von
  • Daniel AJ Sokolov

Die Wiener Grünen sind die ersten Träger des Wolfgang Lorenz Gedenkpreises für internetfreie Minuten. Er belohnt sie für das "Kommunikationsdesaster" rund um die Grünen-Vorwahlen. Durch die Ablehnung eines Teils interessierter Nichtmitglieder zur aktiven Teilnahme an den parteiinternen Abstimmungen über die Kandidaten für die kommende Gemeinderatswahl hat die Partei einen Teil der Wiener Webszene enttäuscht.

Der Lorenz-Preis ist ein Negativ-Award für "völlig unqualifizierte Statements gegen das Informationszeitalter in Wort und Tat" und wurde von Monochrom am Samstagabend in Wien erstmals vergeben. Er geht zurück auf den ORF-Programmdirektor Prof. Wolfgang Lorenz, der vor gut einem Jahr über das "Scheiß-Internet" herzgezogen war, in dem sich "die Jungen verkrümeln". Fernsehen sei das Leitmedium und es sei ihm egal, ob junge Menschen zusähen.

Diese öffentlich gemachten Äußerungen veranlassten Monochrom, den Preis für die "kommunikationstechnologiefeindlichsten und kulturpessimistischsten Distinktionsgewinnler" auszuloben. Er soll fortan jährlich vergeben werden, auch wenn der unfreiwillige Namenspatron Prof. Lorenz Medienberichten zufolge kurz vor seiner Ablösung steht.

Zeremonienmeister Johannes Grenzfurthner betonte in seiner Eröffnungsrede, dass der Lorenz-Gedenkpreis nicht dazu diene, Medienkritiker zu dissen. Notwendig sei aber differenzierte Kritik am Internet. Dieses sei kein Medium wie Fernsehen oder Radio, sondern vielmehr ein Lebensraum.

Anschließend präsentierten zehn Redner aus der österreichischen Kultur- und Webszene ihre Vorschläge für den Preis. Nominiert wurde etwa Franz Medwenitsch, der sich für Internetsperren ohne Gerichtsverfahren für mutmaßliche Urheberrechtsverletzer einsetzt. Er ist unter anderem Führer des ÖVP-Freundeskreises im ORF-Stiftungsrat und Geschäftsführer des Musikindustrieverbandes IFPI Austria. Sein weitaus prominenterer Parteikollege Alt-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel wurde für eine abfällige Äußerung über "Altlinke, 68er und die Internetgeneration" vorgeschlagen, die gegen seine Blau-Schwarze Regierung demonstriert hatten. Symbolisch für den Abmahnwahn sollten die Unternehmen Jako und Jack Wolfskin geehrt werden. Die Jury ließ sich schließlich von der mit Grünen-Zitaten gespickten Präsentation des szenebekannten @karli überzeugen.

Am heutigen Sonntag halten die Wiener Grünen ihre Vorwahlen für die Gemeinderatswahl 2010 ab. Dabei wird basisdemokratisch die Kandidatenliste gewählt. Mitstimmen dürfen neben Parteimitgliedern auch sogenannte Unterstützer. Als sich einige Hundert politikbewegte User im Rahmen einer im Internet organisierten Vorwahl-Initiative als Unterstützer registrieren lassen wollten, zeigte sich die Landespartei überfordert und vom ungewohnten Ansturm verstört. Nach einem längeren Verfahren wurde gut die Hälfte der Interessenten akzeptiert. Die begleitende Kommunikation und Diskussion verlief wenig glücklich, was nun zu der "Auszeichnung" führte.

Der anwesende Grünen-Gemeinderat Christoph Chorherr nahm den auch als Aschenbecher nutzbaren Preis entgegen. Gegenüber heise online sprach er von einer Hassliebe großer Teile der Internetszene mit den Grünen und ortete eine große Enttäuschung. "Wir werden zu Recht an unseren Maßstäben gemessen", so Chorherr, "Und die sind andere, als bei den anderen Parteien." Zwischen seiner Partei und der Info-Elite habe sich ein großer Graben aufgetan. "Die Demokratiefrage 'Wer ist die Basis' muss weiterdiskutiert werden, wenn wir uns erneuern wollen", sagte Chorherr.

Nach dem Big Brother Award 2009 ist der Wolfgang Lorenz Gedenkpreis der zweite Negativ-Preis für österreichische Grüne innerhalb kurzer Zeit.

Daniel AJ Sokolov ist freier Journalist und berichtet für heise online über die Themen Telekommunikation, IT und deren gesellschaftliches Umfeld in Österreich. Sokolov ist parallel dazu auch Mitglied der österreichischen Grünen und Vorsitzender der Bezirksvertretung Wien-Josefstadt. (it)