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Es gibt keine Entschuldigung für schlechte Typographie: zum Tode von Hermann Zapf

Obwohl Hermann Zapf bis zuletzt den Computer nicht sonderlich mochte, war ihm die Gestaltung guter Schriften auch am Bildschirm ein wichtiges Anliegen. Nun ist der Schriftgestalter im Alter von 96 Jahren gestorben.

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Es gibt keine Entschuldigung für schlechte Typographie: zum Tode von Hermann Zapf

Hermann Zapf im Jahr 2007

(Bild: Wikipedia / Lovibond, CC-BY-SA 2.5 )

Hermann Zapf, Schriftgestalter, ist im Alter von 96 Jahren in Darmstadt gestorben. Er hat den Bleisatz ins Computerzeitalter transformiert und vier Generationen von Typografen maßgeblich beeinflusst. Seine Ideen rund um die Schrift und den computergesteuerten Schriftsatz entwickelte Zapf in Deutschland, wo sie anfangs belächelt wurden; seinen internationalen Ruf verdankte er den USA.

Bis zu seinem Tode hat Hermann Zapf, an seinem Werk gearbeitet. Zuletzt entstanden unter seiner Leitung bei Linotype die Palatino Nova und die Palatino Sans. Neben Palatino wurden Zapf mit seinen Schriften Optima, Zapfino, Melior, Aldus und Zapf Dingbats weltbekannt. Insgesamt entwickelte er über 200 Schriften.

Hermann Zapf wurde am 8. November 1918 in Nürnberg geboren. Seine Mutter war Hausfrau, sein Vater Gewerkschafter. In seinen 2007 veröffentlichten Memoiren, den Alphabetgeschichten, schildert Zapf den Beginn seines Lebensweges mit dem Zusammenbruch der alten Welt. Zapf interessierte sich früh für technische Spielereien und entwickelte zur Kommunikation mit seinem Bruder eine Geheimschrift, eine Mischung aus kyrillischen Buchstaben und germanischen Runen.

Bedingt durch die politischen Aktivitäten seines Vaters wurde Zapf ein Studium verweigert, auch die angestrebte Ausbildung zum Lithographen konnte er nicht abschließen. Stattdessen arbeitete er als Retoucheur und bildete sich im Selbststudium als Kalligraph fort. Maßgeblich wurde er von einer Nürnberger Ausstellung über das Werk des Schriftgestalters Rudolf Koch im Jahre 1935 beinflusst und ging nach Frankfurt, um in der Druckwerkstatt "Haus am Fürsteneck" zu arbeiten, die Kochs Sohn aufgebaut hatte.

Durch Vermittlung des Frankfurter Druckforschers Guastav Mori kam Zapf zur Schriftgießerei Stempel und entwickelte dort mit der Gilgengart seine erste Schrift. Im zweiten Weltkrieg war Zapf Kartenzeichner und entwickelte seine Meisterschaft, freihändig millimetergroße Beschriftungen auszuführen.

Nach der Kriegsgefangenschaft arbeitete Zapf für die Stempel und Linotype AG und entwickelte die Schriften Aldus, Palatino und Optima. Außerdem arbeitete er als Buch- und Briefmarkengestalter. Er unterrichtete Kalligraphie an der Kunsthochschule Offenbach und heiratete 1951 die Schriftgestalterin Gudrun von Hesse, die Buch- und Schriftgestaltung am Städel in Frankfurt lehrte.

Zapf beschäftigte sich intensiv mit den Möglichkeiten des Fotosatzes. Im Jahre 1964 hielt er in Harvard einen Vortrag über computergesteuerte Typographie, in dem er sich beklagte, dass die Technik das Wissen der Buchdrucker ignorierte. Der Vortrag brachte ihm die Einladung ein, an der Universität von Texas zu lehren, doch auf die USA ließ er sich erst 1977 ein, als er einen Ruf auf die Professur der "School of Printing Management and Sciences" am Rochester Institute of Technology annahm. Zehn Jahre lang lehrte Zapf dort Typographie und Schriftgestaltung, dabei unermüdlich zwischen Rochester und Darmstadt pendelnd.

Im Dialog der Kulturen und enger Kommunikation mit Firmen wie Xerox und IBM entstand das Hermann-Zapf-Programm mit seinen Algorithmen zur computerunterstützten Drucktechnik. Zusammen mit Donald Knuth arbeitete Zapf an Schriften für Knuths Satzprogramm TeX, was wiederum zur Entstehung einer Schriftfamilie speziell für die Mathematik führte, die Euler.

Obwohl Zapf bis an sein Lebensende den Computer nicht sonderlich mochte, war ihm die Gestaltung guter Schriften auch am Bildschirm ein wichtiges Anliegen. 1993 schrieb er in einem Aufsatz über das hz-Programm, dass die Technik keine Entschuldigung für schlechte Typographie sein darf.

Zu seinen Computerschriften zählt die Zapfino, die Steve Jobs so bewunderte, dass er 2001 die Rechte erwarb. Die Digitalisierung besorgte Zapfs Schüler Akira Kobayashi. Zapf selbst lobte die Lucida, die von seinen Schülern Kris Holmes und Charles Bigelow entwickelt wurde. Seine eigene Lieblingsschrift war die Optima, die an der Gedenkstätte für die US-amerikanischen Toten des Vietnamkrieges verwendet wurde.

Im Jahre 2001 konzipierte Zapf die Mulitmedia-CD The world of Alphabets, für die er den Text schrieb sowie sämtliche Bilder und die Musik auswählte. Er bezeichnete sie als Gesamtkunstwerk seiner Ideen. Sein künstlerisches Werk wird in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel aufbewahrt. Sein Vermächtnis führt Gudrun Zapf-von Hesse in Darmstadt fort, nunmehr 97 Jahre alt. (Detlef Borchers) / (anw)

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