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Essay: Kein Denkmalschutz für Banken

Banken haben im Zuge der digitalen Revolution ihre Existenzberechtigung verloren. Das heutige Regelwerk verhindert jedoch einen längst fälligen Strukturwandel im Finanzsystem – ohne regulatorische Änderungen haben innovative Fintech-Firmen keine Chance.

Kein Denkmalschutz für Banken

(Bild: Andre Douque, CC BY-ND 2.0 )

Die Digitalisierung raubt Managern den Schlaf: Alte und lukrative Geschäftsmodelle versagen derzeit reihenweise. Die Taxizentrale wird durch eine App ersetzt, und in Reisebüros geht schon lange keiner mehr. Eine Branche ist jedoch ungemein erfolgreich im Abwehren von neuen Mitbewerbern: die Finanzindustrie. Dieselben Banken, die es schon seit mehr als hundert Jahren gibt, dominieren auch heute noch den Finanzmarkt. Das schreiben zwei Autoren in ihrem Essay in der aktuellen Ausgabe von Technology Review (am gut sortierten Kiosk und im heise shop erhältlich). Sie haben das Buch "The End of Banking" verfasst und wollen anonym bleiben, da sie nach wie vor im etablierten Bankensektor arbeiten.

Sind diese Banken tatsächlich unverzichtbar? Die deutsche Regierung scheint das so zu sehen. Nachdem sich die traditionellen Geldhäuser verzockt hatten, stellte die Regierung ihnen Milliarden zur Verfügung. 2014 erhöhten die Stützungsmaßnahmen für inländische Finanzinstitute den Schuldenstand Deutschlands um 236 Milliarden Euro. Viele dieser Hilfskredite dürften zwar zurückgezahlt werden, die Nettorechnung für den Steuerzahler damit noch markant sinken. Um welchen Betrag, lässt sich jedoch schwer prognostizieren. Die Dimension der Hilfe bleibt dennoch gigantisch. Zum Vergleich: Um eine Million Flüchtlinge bis 2019 unterzubringen, veranschlagt man gerade mal neun Milliarden Euro.

Banken bilden die zentrale Verbindung zwischen dem Geld- und dem Kreditsystem, den beiden Lebensadern unserer Volkswirtschaft. Ein unkontrollierter Zusammenbruch dieser Banken hätte 2008 sowohl die Kreditvergabe zum Erliegen gebracht als auch zum Zusammenbruch des Zahlungssystems geführt. Die Kosten eines derartigen finanziellen Kreislaufzusammenbruchs hätten die derzeit zu Buche stehenden 236 Milliarden Euro bei Weitem überschritten.

Aber nur weil der Zusammenbruch von Banken ein enormes Zerstörungspotenzial hat, heißt das noch lange nicht, dass die Banken per se volkswirtschaftlich nützlich sind. Wenn sich beim Menschen der Wurmfortsatz des Blinddarms entzündet, kann das fatale Folgen haben. Diese Tatsache macht ihn dennoch nicht zu einem unerlässlichen Bestandteil unseres Körpers.

Wie der menschliche Wurmfortsatz sind Banken ein evolutionäres Überbleibsel aus vergangenen Zeiten. Dank der fortgeschrittenen Digitalisierung könnten Jungunternehmen im Bereich der neuen Finanztechnologien (Fintech) sämtliche Funktionen der Banken übernehmen. Sie könnten Zahlungen ausführen, Kredite vergeben, das Risiko und die Liquidität managen; im digitalen Zeitalter braucht es für keine dieser Aktivitäten noch eine Bank.

Dennoch halten sich die alten Geldinstitute fest im Sattel. Wer vom Staat Milliarden abpressen kann, seine Verbindlichkeiten von der öffentlichen Hand garantiert hat und zudem noch in den Genuss großzügiger Finanzierungskonditionen der Europäischen Zentralbank kommt, kann noch so überflüssig sein. Kein Fintech-Unternehmen kann solche Privilegien durch Qualitäts- oder Effizienzvorteile wettmachen.

2008 waren Banken alternativlos. Niemand hätte sie zeitgerecht ersetzen können, weshalb die staatliche Rettung unerlässlich war. Dieses "Too big to fail"-Problem gilt es dringend zu lösen. Der Staat muss dafür Rahmenbedingungen setzen, die echte und moderne Alternativen zum bestehenden Bankensystem ermöglichen. Zwei Punkte sind dabei zu beachten:

Erstens dürfen die neuen Fintech-Unternehmen nicht zu Banken mutieren oder Teil des Schattenbankensystems werden. Nur so kann verhindert werden, dass die jungen Wilden zum systemischen Risiko werden. Zweitens darf die komplexe und auf Banken zielende Finanzregulierung den Jungunternehmen nicht die Luft abschnüren.

Die Lösung: Führen wir eine Fintech-Lizenz als Alternative zur Banklizenz ein. Mit dieser dürfen sie die gesamte Bandbreite an Finanzdienstleistungen anbieten, ohne der aufwendigen Bankenregulierung unterstellt zu sein. Um eine solche Fintech-Lizenz zu erhalten, darf ein Unternehmen jedoch keine systemischen Risiken eingehen.

Was genau ist damit gemeint? Man stelle sich die einzelnen Finanzinstitute als Dominosteine vor. Wenn Dominosteine genügend weit voneinander entfernt aufgestellt sind, verursacht ein fallender Stein noch keine Kettenreaktion. Falls einer jedoch andere Dominosteine mitreißen kann, dann existiert ein systemisches Risiko. Im Extremfall kommt es zu einer Kettenreaktion. Wir müssen die Fintech-Lizenz also mit einem Regelwerk verbinden, das solche Kettenreaktionen zwischen Fintech-Unternehmen – oder zwischen Banken und Fintech-Unternehmen – gar nicht erst entstehen lässt.

Der Schweizer Regulator hat vor Kurzem etwas in diese Richtung vorgeschlagen. Allerdings dürfte das dabei angedachte Verbot der Fristentransformation nicht ausreichen. Wir gehen daher einen Schritt weiter: Fintech-Unternehmen sollten unter verschärfte Solvenzvorschriften gestellt werden, die sie vollumfänglich immun gegenüber systemischen Risiken und Kettenreaktionen machen.

In unserem Buch "The End of Banking" erklären wir die Funktionsweise unserer "systemischen Solvenz-Regel" genauer und zeigen die verschiedenen Auswirkungen auf. Hier möchten wir sie kurz zusammenfassen. Im Grundsatz kann sie auf einen einfachen Ratschlag heruntergebrochen werden: keine Finanzspekulationen mit geliehenem Geld! Würden alle diesem Rat folgen, hätte ein individueller Bankrott nicht den Bankrott von anderen zur Folge. Oder um die Domino-Metapher zu nutzen: Wenn wir nicht wollen, dass ein fallender Dominostein eine Kettenreaktion auslöst, sollten wir die einzelnen Steine mit gebührendem Abstand aufstellen.

Natürlich ist das Finanzsystem komplexer als ein Dominospiel. Dennoch kann die "systemische Solvenz-Regel" selbst unter Berücksichtigung von Derivaten, Verbriefungen und Finanzverschachtelungen überraschend einfach gehalten werden.

Befreien wir also Fintech-Unternehmen vom regulatorischen Ballast, und schützen wir sie gleichzeitig vor finanziellen Kettenreaktionen. Mit dieser Kombination wird ein alternativer Finanzsektor dereinst in der Lage sein, die Versorgung unserer Wirtschaft mit Geld und Kredit sicherzustellen, wenn die Banken das nächste Mal scheitern.

Das "Too big to fail"-Problem wäre elegant gelöst, denn ohne drohendes Katastrophenszenario gibt es keinen Grund mehr für eine weitere Rettung. Kein vernünftiger Mensch wäre schließlich auf die Idee gekommen, nach der Einführung des Automobils einer kriselnden Kutschenindustrie mit öffentlichen Geldern zur Hilfe zu eilen.

Den vollständigen Essay lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der Technology Review (im heise shop bestellbar bestellbar und im Handel erhältlich). (jle)

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