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Estland wählt per Internet

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Unbeirrt von den Auseinandersetzungen, die in den westlichen Demokratien um die elektronische Stimmerfassung geführt werden, treibt das seit 1991 wieder unabhängige Estland, das seit 2004 zur Europäischen Union gehört, die Wahl per Internet voran. Bei den Parlamentswahlen am kommenden Sonntag werden 940.000 Wahlberechtigte die 101 Mitglieder des Riigikogu (Reichstag) auch vom heimischen PC aus wählen können, sofern sie eine gültige ID-Card sowie einen Smartcard-Reader besitzen und den ID-Card-Treiber installiert haben.

Den Kern des der Briefwahl nachgebildeten Systems bildet die nach dem Private/Public-Key-Verfahren verschlüsselte Kommunikation zwischen Wähler und Wahlamt. An die 1,35 Millionen Einwohnern der Baltenrepublik sind seit 2002 mehr als eine Million Smartcards als Personalausweis ausgegeben worden, die auch über eine Signaturfunktion verfügen und sich bei Wahlen einsetzen lassen: Anhand des Zertifikats authentifiziert das System den Wähler und prüft den Eintrag in das Wählerverzeichnis. Der Wahlberechtigte bekommt dann den Stimmzettel seines Wahlkreises als HTML-Seite auf das Display, zusammen mit einem ActiveX- oder Java-Applet als Wahlclient. Der Client ermöglicht, das Votum mit dem Public Key des Wahlamtes zu verschlüsseln und mit der Ausweiskarte zu signieren. Um die Anonymität zu wahren, trennt der Server im Wahlamt die Signatur vom verschlüsselten Stimmzettel; bei der späteren Auszählung werden die Voten dann mit dem geheimen Schlüssel des Wahlamtes decodiert.

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) wird zu den Wahlen Wahlbeobachter entsenden. Der Kommission gehört mit Herman Ruddijs unter anderem ein Projektmanager des holländischen Unternehmens Sdu Uitgevers an, dessen e-Voting-System aufgrund schwerwiegender Sicherheitsbedenken zu den Parlamentswahlen im vergangenen November die Zulassung entzogen worden war. Aus der Bundesrepublik ist Melanie Volkamer in der Kommission vertreten, seit kurzem Präsidiumsmitglied der Gesellschaft für Informatik und Geschäftsführerin des neuen Institut für IT-Sicherheit und Sicherheitsrecht (ISL) der Universität Passau.

Bei einem Pilotversuch anlässlich der Kommunalwahlen im Oktober 2005 hatten 80 Prozent der Wähler in Estland erstmals die Möglichkeit, ihre Stimme elektronisch abzugeben. Seinerzeit machte ein Prozent davon tatsächlich Gebrauch. (Richard Sietmann) / (anw)