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Ethik bei autonomen Autos und das Trolley-Problem: Was tut der Weichensteller?

Die Debatte um selbstfahrende Autos machte ein philosophisches Gedankenexperiment populär, das Weichensteller- oder Trolley-Problem. Es behandelt die Wahl zwischen zwei moralisch bedenklichen Aktionen. Wir haben uns die Geschichte des Dilemmas angeschaut.

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Ethik bei autonomen Autos: Was tut der Weichensteller?

Weichensteller in Chicago

(Bild: Library of Congress)

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Dichter Nebel. Ein Eisenbahnwaggon oder eine Straßenbahn macht sich selbständig und rast auf mehrere Menschen zu, die auf den Schienen stehen. Retten könnte sie ein Weichensteller, der das Gefährt auf ein Nebengleis ablenkt. Auf diesem sitzt nun ein Gleisarbeiter, was dem Weichensteller ebenfalls bekannt ist. Was soll er tun?

Dobrindt bei der Übergabe des Berichts

(Bild:  BM für Verkehr und digitale Infrastruktur, CC BY-ND 2.0 )

Das ist die Essenz des Trolley-Problems, benannt nach dem amerikanischen Wort für Straßenbahn. Seitdem autonome Autos auf den Straßen rollen, wird es diskutiert, wobei jetzt das Handeln der künstlichen Intelligenz im Mittelpunkt steht. Das Problem erscheint auch im Bericht der Ethik-Kommission zum automatisierten Fahren, den Bundesverkehrsminister Dobrindt unlängst vorstellte. Regel 8 des Berichts behandelt "echte dilemmatische Entscheidungen", und Regel 9 fordert: "Die an der Erzeugung von Mobilitätsrisiken Beteiligten dürfen Unbeteiligte nicht opfern."

Über Opfer grübelten schon antike Philosophen nach. Denn das Problem stellt natürlich grundsätzliche philosphische Fragen, ob man einer konsequentialistischen Ethik folgt, die Handlungen allein anhand ihrer Ergebnisse beurteilt, oder einer deontologischen Ethik, nach der bestimmte Handlungen unabhängig von ihren Ergebnissen gut oder schlecht sind. Es lohnt sich aber, die Geschichte des Trolley-Problems und seiner Logik zu untersuchen – und das, was als reale Beispiele zur Illustration der Problematik herangezogen wird.

Einen Vorläufer finden wir im alten Rom – das Brett des Karneades. Zwei Schiffbrüchige klammern sich an eine Planke, die nur einen Menschen trägt. Einer der beiden tötet den anderen und wird gerettet. Soll man ihn wegen Mordes verurteilen? Was zunächst reines Gedankenspiel war, hat sich im 19. Jahrhundert mehrmals auf hoher See ereignet und führte auch zu Strafverfahren.

1820 wurde der Walfänger Essex im Pazifik von einem Wal attackiert und sank. Die Männer retteten sich in drei Boote und steuerten die nächste Küste an. Die Insassen eines Bootes verfielen auf Kannibalismus und losten ein Opfer aus; es wurde erschossen und verzehrt. 1842 kollidierte die William Brown im Nordatlantik mit einem Eisberg. Ein Rettungsboot nahm neun Matrosen und 32 Passagiere auf. Als Wasser eindrang, stieß die Crew 16 Passagiere ins Meer. Nach der Rettung wurde ein Matrose zu sechs Monaten Haft und 20 Dollar Strafe verurteilt.

Als 1884 die Segelyacht Mignonette am Kap der Guten Hoffnung sank, stiegen die vier Mann Besatzung schnell ins Rettungsboot. Nach 20 Tagen auf See tötete der Kapitän den Schiffsjungen, wiederum aus kannibalistischen Motiven. Die drei Verbliebenen wurden gerettet und zwei von ihnen vor Gericht gestellt. Am Ende saßen die beiden Angeklagten ein halbes Jahr ab. In allen drei Fällen fand letztlich eine Wahl statt: zwischen einem Nicht-Handeln mit absehbarem Tod für alle und einer Aktion, wo der oder die Täter ihr eigenes Leben auf Kosten anderer Leben retteten.

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