Ethikrat: Erosion von Verantwortung bei Robotereinsatz in der Pflege verhindern

Roboter können helfen, die Lebensqualität pflegebedürftiger Menschen zu verbessern, meint der Deutsche Ethikrat. Sie dürfen Menschen aber nicht ersetzen.

Lesezeit: 4 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 15 Beiträge
Ethikrat: Erosion von Verantwortung bei Robotereinsatz in der Pflege verhindern

(Bild: Shutterstock/Miriam Doerr, Martin Frommherz)

Von
  • Stefan Krempl

Der Deutsche Ethikrat hat die Chancen und Risiken ausgelotet, die mit dem Einsatz von Robotern in der Pflege verbunden sind. Technische Helfer könnten "einen wertvollen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität pflegebedürftiger Menschen und der Arbeitsqualität im Pflegebereich leisten", lautet ein Fazit des Experten-Gremiums. Dies setze aber voraus, dass die Systeme zwischenmenschliche Beziehungen nicht ersetzten, sondern ergänzten. Sie dürften auf keinen Fall gegen den Willen der Betroffenen oder zur "bloßen Effizienzmaximierung" verwendet werden.

Die steigende Zahl von Menschen mit Assistenz- und Pflegebedarf bezeichnet das unabhängige Gremium als "gesellschaftliche und versorgungspolitische Herausforderung". 2017 habe es hierzulande rund 3,4 Millionen Pflegebedürftige gegeben, der gegebene Mangel an Pflegekräften dürfte sich noch verschärfen. Daher bestehe seit einigen Jahren die Hoffnung, die Diskrepanz auch durch technische Entwicklungen zu verringern. In Forschungs- und Entwicklungsprogramme für robotische Anwendungen in diesem Bereich flössen erhebliche öffentliche Mittel.

Als Mittel, um den Pflegenotstand zu beseitigen, sieht der Ethikrat die Technik nicht. Assistenzroboter könnten Pflegekräfte aber bei körperlich anstrengenden Tätigkeiten unterstützen und Patienten könnten länger zuhause gepflegt werden. "Robotische Monitoring-Techniken" hätten das Ziel, ein selbstbestimmtes Leben im heimischen Umfeld zu ermöglichen, indem sie "die Überwachung von Körperfunktionen aus der Ferne ermöglichen oder rasche Hilfe im Notfall gewährleisten". Den Begriff "Pflegeroboter" lehnt das Gremium ab, um Maschinen nicht "gleichrangig neben oder anstelle von menschlichen Pflegekräften" zu setzen.

Skeptisch sehen die Experten auch "Begleitroboter", die etwa in Gestalt verschiedener Tiere wie Robben angeboten werden, teils selbst als Interaktionspartner dienen und so vor allem kommunikative und emotionale Anliegen erfüllen sollen. Laut der am Dienstag veröffentlichten Stellungnahme "Robotik für gute Pflege" wäre es äußerst fragwürdig, wenn solche Bedürfnisse überwiegend maschinell gestillt würden. Der Rat warnt: Auch im Fall anderer Arten von Robotern könnte sich das unabhängige Leben in vertrauter Umgebung durchaus als eines in sozialer Isolation erweisen.

Bei den Pflegekräften müssten dem Gremium zufolge zudem Ängste ernst genommen werden, dass sie die anspruchsvolle Bedienung komplizierter Robotertechnik überfordere. Anstatt Raum für beziehungsorientierte Pflege zu schaffen, könnte der Einzug der Technik in Pflegeheime auch eine noch höhere Arbeitsdichte nach sich ziehen. Parallel gebe es die Sorge, dass die hohen Kosten für Assistenzsysteme zu Mittelkürzungen im Personalwesen führten.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

Mit Ihrer Zustimmmung wird hier eine externe Umfrage (Opinary GmbH) geladen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen (Opinary GmbH) übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Insgesamt bleibt der Rat trotzdem zuversichtlich, dass Robotertechniken für die Pflege von großem Nutzen sein können. Um einer "Erosion von Verantwortung" vorzubeugen, müssten aber transparente Strukturen etabliert werden, die die Identifikation "individueller und kollektiver Zuständigkeiten" sowie wirksame Kontrolle ermöglichten. Die Experten empfehlen, Menschen mit Assistenz- oder Pflegebedarf und Pflegekräfte in die Entwicklung robotischer Systeme einzubeziehen. Sicherheitsstandards und Haftungsregelungen sollten überprüft werden. Pflegekräfte müssten zudem in der Aus-, Fort- und Weiterbildung gezielt im Umgang mit Robotertechniken geschult werden, wobei auch ethische Aspekte zu berücksichtigen seien.

Die Berliner Gerontologin und Mitautorin des Berichts Adelheid Kuhlmey verdeutlichte die weitverbreite Haltung im Gesundheitssektor bei der Präsentation des Berichts laut Agenturberichten mit dem Zitat einer Pflegerin: "Ich bin nicht gegen die Technik, aber Berührung kann man nicht durch Plastik ersetzen." Auswirkungen der Robotertechnik auf den Sektor sollten ihr zufolge wissenschaftlich noch weiter erforscht werden, da es bislang kaum einschlägige Studien gebe. Die Grünen hatten jüngst einen Digitalpakt für Krankenhäuser und Innovationsfonds für Pflege gefordert. Sie wollen sicherstellen, dass es für technologische Produkte für die Pflege wie Sturz-Sensoren, Notfall-Apps oder Roboter europäische Anbieter gibt. (vbr)